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Frank Witzels neuer Roman : Lebenskrisen in Zeiten des Umbruchs

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Seine Pop-Sozialisation schrieb der in Wiesbaden geborene und heute in Offenbach lebende Autor im Roman gleich mit. Und eines der verblüffendsten Kapitel ist die Interpretation der Beatles-Platte „Rubber Soul“ als religiöse Erweckungsgeschichte: Wort für Wort enthüllen sich geheime Botschaften, wie ein Reißverschluss greifen Songtexte und Bibelexegese ineinander, und der einsame Teenager fühlt sich um beides betrogen. Was kann sein leergepumptes Ich in solchen Momenten noch tun? Aufgerieben zwischen Über-Ich und unbewussten Sehnsüchten bleibt ihm nur eine Ich-Simulation, die ihn im Erwachsenenalter teuer zu stehen kommt.

Dass es sich beim Erzähler um ein Alter Ego von Frank Witzel handelt, ist offensichtlich, aber vor eine zu große Nähe hat der Autor viele ironische Riegel geschoben. Immer wenn eine Stimme im Roman behauptet, jetzt würde es besonders authentisch oder autobiographisch, zieht uns der Erzähler den Boden unter den Füßen weg und stiftet mit seinen Erklärungen stattdessen Verwirrung.

Ehrlichkeit wirkt wie Verrücktheit

Aber in diese Falle geht er auch selbst: Noch als Erwachsener versinkt er in seinen Kindheitsprägungen, wird bei der RAF-Tagung in Hamburg ausgebuht, weil bei ihm immer wieder „das Private das Politische überholt“, erlebt dort ein Liebesdesaster nach dem anderen und verliert sich während einer Baader-Meinhof-Erinnerungs-Tour auf dem Ohlsdorfer Friedhof in lauter fein erzählte Recherchen. Darunter auch die Familiengeschichte der Tchibo-Gründer Tchiling-Hiryan, die ein Stück brutale Kolonialgeschichte nahtlos verzahnt mit der Politik des Dritten Reiches. Solche an Foucault geschulte Tiefenbohrungen verzeihen ihm seine Zuhörer nicht, wie sie ihm überhaupt Skrupel und Selbstzweifel übelnehmen: Sobald er versucht, ehrlich zu sein, hält man ihn für verrückt.

Geschmack und Geruch einer Zeit fängt dieser Roman ein, aufbewahrt in den Körpererinnerungen und intellektuellen Vorlieben der Generation von Wirtschaftswunder und Kaltem Krieg, zu denen obsessive Freud-, Camus- und Derrida-Lektüren gehören. Der Erzähler verstrickt sich in den Tod des Ex-Rolling-Stone Brian Jones im Swimmingpool, imaginiert die Selbstmorde in Stammheim und entwickelt eine „Therapie-Entwicklungs-Therapie“, die sich als Roman-Poetologie entpuppt. Es gebe keine Zentralperspektive in seinem Buch, sagt Frank Witzel, sondern wie auf gotischen Tafelbildern nur eine Bedeutungsperspektive, in der sich die Größe der Figuren und die Einteilung von Vorder- und Hintergrund allein nach den Gefühls- und Assoziationsströmen seines Helden bestimmen.

So wird die DDR hinter Mauer und Stacheldraht zum notleidenden, giftigen Höllenort, in den die verhasste Frau von der Caritas, die seine Mutter pflegt, entsorgt wird, oder, umgekehrt, diese wird gleich zur hochkarätigen Ost-Spionin. Dazwischen wirbeln amüsante, surreale Sprengkapitel, wie „Die Verfolgung und Ermordung des erwachsenen Teenagers“, die ganze prekäre Erzählordnung nochmals durcheinander.

„Ich dachte gerade, wir seien einen Schritt weiter gekommen, jetzt haben Sie wieder diesen Verlautbarungston“, schimpft der Verhörende am Ende des Romans. Doch liegt es an der Unabschließbarkeit des Themas, dass das Romanende sich zum Anfang zurückbewegt: Die DDR und das Scheitern der Aufklärung, zwei Lieblingsthemen des Erzählers, lassen sich ebenso wenig abschließend klären wie die gewaltige Zäsur, die die RAF für die Geschichte der Bundesrepublik bedeutet. Ein kluger und doppelbödiger Roman auf der Messerschneide eines politischen Bruchs und somit das seitenverkehrte Pendant zu Ingo Schulzes Wende-Roman „Neue Leben“: Hier wie dort geht es um eine persönliche Lebenskrise in Zeiten des Umbruchs und um die Fragwürdigkeit einer Zeit und einer Gesellschaft - dafür ist das Buch wahrlich nicht zu dick.

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