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Frank Schätzing: Limit : Auch auf dem Mond gibt's frisches Sushi

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Bild: Verlag

Quarks & Co: Warum Frank Schätzings neuer Bestseller „Limit“ keine Literatur ist - und warum man das Buch trotzdem mögen muss.

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          Eigentlich ist das ja eine Unverschämtheit - so einen Klotz von 1328 Seiten abzuliefern, wenn man nicht gerade den „Zauberberg“ geschrieben hat, und selbst der kam mit 1008 Seiten aus. Jenseits der Tausend-Seiten-Grenze beginnt das Hochgebirge der Literatur, das überlässt man den Thomas Manns, Heimito von Doderers und ausnahmsweise vielleicht einmal einem David Foster Wallace.

          Mit alldem hat Frank Schätzings neuer Roman „Limit“ nichts zu tun. Er ist länger als der „Ulysses“, aber er besteht komplett aus Sätzen wie: „Chen blinzelte misstrauisch.“ Oder: „Theoretisch landen wir bei 0° auf der Kelvin-Skala, was -273° Celsius entspricht, dem absoluten Nullpunkt.“ Aus solchen Sätzen macht man Megaseller, aber keine Literatur. Und trotzdem ist „Limit“ ein großer Spaß, wenn auch naturgemäß kein unendlicher.

          Man darf eben nicht den Fehler machen, Schätzing als Literaten zu betrachten. Er trägt prollige Lederjacken, er macht Werbung für Unterhosen, er tut überhaupt alles dafür, nicht mit einem Intellektuellen verwechselt zu werden. Wie aus der Danksagung zu erfahren ist, entstand „Limit“ überwiegend in der Bar „Fonda“ in der Kölner Südstadt: Man kann sich den Autor vorstellen, wie er bei Tapas und Rotwein vor seinem Laptop saß, ab und zu eine Zahl ergoogelte und ansonsten schrieb, als gäbe es im Literaturbetrieb kein Tempolimit. In einer Hollywood-Komödie wäre er der etwas geckenhafte, aber trotzdem sympathische Starautor, der all den trübsinnigen Tresenphilosophen freie Drinks spendiert.

          Genie der Selbstvermarktung und einsamer Rechercheur

          Wenn jedes Buch, egal wo und wann es spielt, ein verstecktes Selbstporträt des Autors enthält - dann gibt es in „Limit“, im Jahr 2025 auf der Erde und dem Mond angesiedelt, gleich zwei Frank-Schätzing-Doppelgänger: zum einen den Milliardär Julian Orley, der sämtliche Energieprobleme der Menschheit gelöst hat, indem er auf dem Mond mit dem Helium-3-Abbau begann und das Edelgas mit einem Fahrstuhl aus Kohlenstoffnanoröhren zur Erde beförderte. „Er trug T-Shirt und Sakko, Jeans und Cowboystiefel. Ringe steckten an seinen Fingern.“ Exakt so tritt Schätzing in Talkshows auf. In dem amerikanischen Tycoon setzt sich der Autor, der spätestens seit dem Welterfolg von „Der Schwarm“ als Genie der Selbstvermarktung gelten muss, ein Denkmal als Showstar: „Julian Orley geht auf keine Bühne, die Bühne folgt ihm, wo immer er ist.“

          Und dann gibt es, als zweites Alter Ego, den Privatdetektiv Owen Jericho: einen hartgekochten Philip-Marlowe-Klon, der von Schanghai aus Datendelikte aufklärt und nebenbei einer geopolitischen Riesenverschwörung auf die Spur kommt, die quer durch fünf Kontinente führt. In Jericho verewigt sich Schätzing als der einsame Rechercheur, der Leute ausfragt und sein halbes Leben im Internet verbringt: „Er ging online und schickte den Computer auf die Suche nach den City Demons. Er präsentierte ihm einen australischen Football Club in New South Wales, einen weiteren in Neuseeland, einen Basketballverein aus Dodge City, Kansas, sowie eine vietnamesische Gothic Band.“

          Immerhin funktioniert die Google-Suche im Jahr 2025 offenbar noch genauso primitiv wie anno 2009 - was auch für den Rest des Internets gilt, das immer noch „World Wide Web“ heißt. Auch Festplatten, E-Mail-Anhänge, Trojaner und Phishing sind noch nicht ausgestorben, ganz zu schweigen von „Second Life“, wo sich die Leute nach wie vor „eine virtuelle Identität zulegen“ und „Cybersex“ machen. Es würde einen nicht wundern, wenn Jericho zwischen zwei Aufträgen noch schnell ein paar Moorhühner am PC jagen würde.

          Ansonsten aber ist das Science-Fiction-Szenario, das Schätzing vor allem in Nebenbemerkungen entwirft, großartig - was genau daran liegt, dass er keinen Futurismus liefert, sondern unsere Gegenwart konsequent ins Übermorgen ausstülpt. Fast alles in „Limit“ bezieht sich auf die Erfahrungen und Ängste der nuller Jahre - von den russischen Oligarchen, die inzwischen Daimler und Bayern München gekauft haben, über das Broadway-Musical „Nine Eleven“ bis hin zum Kaffee mit Muskat, der Starbucks vor dem zwischenzeitlich drohenden Bankrott gerettet hat. Die androgynen Mando-Prog-Bands in Japan wirken wie Tokio-Hotel-Mutationen, die chinesische Popautorin Mian Mian ist zur Staatspoetin avanciert, und beim Landeanflug auf den Mond wird über Kreationismus und Darwinismus gestritten wie im guten alten Feuilletonjahr 2009.

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