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Julia Francks „Mittagsfrau“ : Das kalte Herz

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Borgte das Schicksal ihrer Romanfigur bei ihrem Vater: Julia Franck Bild: F.A.Z.-Helmut Fricke

Durch die Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis ist Julia Franck zu einem der Stars der Frankfurter Buchmesse geworden, die an diesem Dienstag begonnen hat. Ihr Roman „Die Mittagsfrau“ rührt an eine Schicksalsfrage unserer Gesellschaft: Was ist eine Familie? Von Edo Reents.

          Wenn wir über Familie sprechen, dann geht es meistens um zwei Fragen: Wo kann man tagsüber sein Kind abgeben? Und was ist, wenn sich die Eltern nicht mehr verstehen? Jetzt kommt eine Siebenunddreißigjährige aus Berlin daher und zeigt uns, was passiert, wenn mit den Banden zwischen Eltern und leiblichen Kindern, die wir für viel elementarer halten als die etabliertesten Patchwork-Strukturen, etwas nicht stimmt. Zwar wissen wir schon aus der Bibel, dass Kinder ausgesetzt werden, und aus den Kindsmördergeschichten des achtzehnten Jahrhunderts kennen wir noch Schlimmeres – aber wie es ist, wenn eine Mutter ihr Kind nun einmal nicht liebt, das wird in der Literatur selten verhandelt; das ist eher Stoff für die vermischten Meldungen in der Zeitung.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Julia Francks Roman „Die Mittagsfrau“ bringt die Begriffe, die wir uns unter dem Beschuss durch wohlmeinende politische Verlautbarungsprosa von „Familie“ mittlerweile gebildet haben, so gehörig durcheinander, dass wir am Ende nicht mehr wissen, was das überhaupt ist und ob es das noch gibt. Worum es hier geht, ist von dem kleinsten gemeinsamen politischen Nenner, auf den man sich unter dem Regiment einer Familienministerin vielleicht einigen könnte, genauso weit entfernt wie von den Ideen einer Eva Herman. Julia Francks Buch ist keine Lach- und Sachgeschichte zum Dauerthema der vergangenen Jahre; es zeigt vielmehr, dass Literatur etwas verhandeln kann, worauf sich die nichtbelletristische Befassung nur ungern einlässt: uns den Blick schärfen für Abgründe, für die weder das Fortschrittliche noch das Rückständige eine Kategorie ist und die von Erwägungen sozialer Wünschbarkeit nicht erreicht werden.

          Wir halten solche Fälle auf Abstand

          Man könnte das Buch deshalb auch als Anti-Familien-Roman bezeichnen, wenn man durch das lächerliche „Anti-“ nicht gleich jene Einstellung verriete, die auch beim „Antikriegsfilm“ immer gleich betonen will, man sei „dagegen“: dass Krieg geführt wird, wie man natürlich auch dagegen ist, dass Familien zerbrechen. Aber es passiert ja trotzdem. Noch weniger wird man es gutheißen, wenn eine Mutter ihren kleinen Sohn aussetzt wie einst Moses im Schilf. Auf dergleichen Monstrositäten stoßen wir zwar regelmäßig in Schreckensmeldungen, aber wir halten solche Fälle auf Abstand, indem wir die Protagonisten einfach für unzurechnungsfähig erklären.

          Damit kommen wir hier nicht weit. Helene Würsich, die Heldin, schlägt sich mit enormer Leidensfähigkeit durch vier Jahrzehnte, aber unzurechnungsfähig ist sie nicht; sie hat nur ein kaltes beziehungsweise ein nach verschiedenen seelischen Verletzungen erkaltetes Herz. Der Roman, dessen Titel auf eine Sagengestalt in der Lausitz anspielt, hält solche Zumutungen bereit, dass von Rechts wegen das Jugendamt zum Einschreiten gezwungen wäre – wenn es Zugriff auf literarische Phantasien hätte. Er handelt, im Wesentlichen, davon, wie zwei Töchter ihre Mutter im Stich lassen und wie eine dieser Töchter dann später ihren eigenen Sohn im Stich lässt. Wenn der Fischer Verlag das Buch als „Familienroman“ bezeichnet, dann wird man bei der Formulierung des Klappentextes kaum die Definition im Ohr gehabt haben, welche die Christlich-Demokratische Union ausgegeben hat: „Familie ist dort, wo Eltern für Kinder und Kinder für Eltern Verantwortung übernehmen.“

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