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Francis Fukuyamas „Identität“ : Alles eine Frage der Würde?

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Dr. Francis Fukuyama Bild: Karen Ballard/Redux/laif

Jeder Gruppe ihre eigene Bedrohung: Francis Fukuyama untersucht die Gründe für das Erstarken von Identitätsfragen in der Politik. Wäre nur seine fragwürdige Hierarchisierung sozialer Ungerechtigkeiten nicht.

          Wer, wenn nicht der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, der vor dreißig Jahren „Das Ende der Geschichte“ prophezeite, könnte erklären, warum der proklamierte Sieg der liberalen Demokratie dann am Ende doch ausgeblieben ist, diese sich vielmehr auf dem Rückzug zu befinden scheint. Nicht nur ist die Gesamtzahl demokratischer Staaten rückläufig.

          Darüber hinaus sind viele autoritäre Staaten, wie etwa China und Russland, selbstbewusster geworden, und Länder – darunter Ungarn, Polen, Thailand und die Türkei –, die noch in den neunziger Jahren den Eindruck erweckten, sich in eine demokratische Richtung zu entwickeln, gleiten plötzlich wieder in Richtung Autoritarismus ab. Noch bedeutsamer sind die Wahlsiege, die populistische und nationalistische Rechtsparteien in den Vereinigten Staaten und Europa erzielt haben.

          Was sind die Ursachen dafür, dass sich überall auf der Welt und selbst in den reichen Ländern immer mehr Menschen von modernen Demokratien abwenden und sich lieber autokratischen Führern oder nationalistischen und religiösen Protestbewegungen zuwenden? Für Fukuyama ist diese Frage eng mit einer anderen Frage, jener nach dem erstaunlichen Aufstieg der Identitätspolitik zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts, verbunden.

          Würdedefizit durch Ungleichheit

          Während im zwanzigsten Jahrhundert das politische Denken überwiegend von Wirtschaftsfragen bestimmt worden sei, werde die heutige Politik auf beiden Seiten des politischen Spektrums durch eine obsessive Beschäftigung mit Fragen von Anerkennung und Status bestimmt. Die Linke richte ihr Augenmerk nicht mehr primär darauf, ökonomische Gleichheit herzustellen, sondern konzentriere sich zunehmend darauf, die Interessen einer breiten Vielfalt benachteiligter Gruppen – wie etwa von Frauen, ethnischen Minderheiten, Flüchtlingen und der LGBT-Community – zu fördern. Der Rechten läge vor allem der Patriotismus am Herzen, der Schutz der nationalen Identität, die häufig explizit mit Rasse, Ethnizität, Heimat oder Religion verknüpft wird.

          Die primäre Ursache für den Politikwechsel hin zu Identitätsfragen sieht Fukuyama in einem aus zunehmenden gesellschaftlichen Ungleichheiten erwachsenden Würdedefizit in den verarmten oder vom Abstieg bedrohten Bevölkerungsschichten. Die Linke hätte versäumt, an eine geteilte Erfahrung der Ausbeutung zu appellieren: Statt ihr Augenmerk weiterhin auf die Verringerung ökonomischer Ungleichheit zu richten, konzentrierte sie sich auf immer kleinere Gruppen, die auf spezifische Weise marginalisiert werden.

          Durch die einseitige Unterstützung von Bewegungen wie #MeToo oder Black Lives Matter und die Behauptung, die Lebenserfahrungen von Frauen oder Schwarzen seien grundsätzlich andere als die von Männern oder Weißen, habe die Linke von den eigentlichen gesellschaftlichen Problemen und den Abstiegssorgen weitaus größerer Gruppen abgelenkt; von Problemen, wie sie sich gegenwärtig etwa in der Opioid-Krise, der hohen Arbeitslosigkeit in den Staaten des sogenannten Rustbelts und der Zunahme gesellschaftlicher Armut zeigten.

          Vorreiterrolle für die Identitätspolitik der Rechten

          Das größte Problem linker Identitätspolitik sieht der Autor darin, dass die sozialen Gegenbewegungen der Linken unfreiwillig eine Vorreiterrolle für die gegenwärtige Identitätspolitik der Rechten gespielt hätten. Ähnlich wie die Politik der Schwarzen- oder der Frauenbewegung sei auch die Politik der Trump-Anhänger zutiefst vom Gefühl gruppenspezifischer Benachteiligung durchdrungen.

          Trumps Wähler unter der weißen Arbeiterschaft hätten sich von der Linken und den liberalen Eliten abgewandt, weil sie ihre traditionellen Werte von der urbanen Mittelschicht bedroht gesehen und den Eindruck gewonnen hätten, dass den identitätspolitischen Anliegen von Minderheiten der Vorzug gegenüber den Interessen der Arbeiter und der einfachen Landbevölkerung gegeben werde. Trotz ihrer Zugehörigkeit zur dominierenden Volksgruppe hielten sich viele weiße Arbeiter deshalb für ausgegrenzt und fühlten sich ungerecht behandelt. Diese Gefühle, so Fukuyama, ebneten nun den Weg für eine rechte Identitätspolitik, die im Extremfall die Gestalt eines unverhohlen rassistischen weißen Nationalismus annehmen könne.

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