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Francis Fukuyamas „Identität“ : Alles eine Frage der Würde?

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Doch so plausibel Fukuyamas Argumentation zunächst erscheint, so wenig stichhaltig ist sie auf den zweiten und dritten Blick. Das Problem besteht nicht allein darin, dass hier einmal mehr Klassenpolitik gegen Identitätspolitik ausgespielt wird. Gemessen an den strengen Kriterien Fukuyamas, wäre nämlich auch die während des zwanzigsten Jahrhunderts von den Gewerkschaften betriebene Klassenpolitik überwiegend als Identitätspolitik zu werten, da sie ihrer Natur nach keineswegs universalistisch, sondern partikularistisch war und in erster Linie den Interessen der weißen männlichen Arbeiter und Angestellten diente.

Kulturübergreifende „nationale Bekenntnisidentitäten“

Die Partikularität des Klassenkampfes konnte nur deshalb so lange unbemerkt bleiben, weil die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, Schwarzen und Weißen oder Einheimischen und Migranten in der Praxis lange Zeit schlicht kein Thema war. Wenn man nun, wie Fukuyama, diese Bewegungen als Identitätspolitik apostrophiert, lässt man sich auf eine fragwürdige Hierarchisierung sozialer Ungerechtigkeiten ein – und fällt damit zurück in eine fruchtlose Debatte, die schon in den siebziger Jahren die Linke gespalten hatte: Auch damals wurden der Hauptwiderspruch – der zwischen Kapital und Arbeit – und der sogenannte Nebenwiderspruch – die Ausbeutung von Frauen durch unbezahlte Sorge- und Hausarbeit – gegeneinander ausgespielt.

Das eigentliche Defizit des Erklärungsansatzes von Fukuyama liegt darin, dass sich seine Frage, warum und unter welchen Bedingungen sich gesellschaftliche Würdedefizite durch populistische oder nationalistische (und nicht etwa durch linke) Bewegungen mobilisieren lassen, auf diese Weise nicht beantworten lässt, unterschlägt sie doch eine fundamentale Differenz zwischen rechten und linken Bewegungen: Während linke Politik auf die künftige Aufhebung von Ungleichheiten im Interesse der Benachteiligten zielt, tritt rechte Politik gerade umgekehrt für den Erhalt beziehungsweise die Wiedererlangung verlorener oder verloren geglaubter Privilegien von bislang etablierten Gruppen ein.

Linke Bewegungen ergreifen Partei für die Interessen der Benachteiligten und versprechen eine bessere Zukunft. Rechte Parteien erweisen sich dagegen als die Anwälte der bedrohten oder bereits verlorengegangenen Vorrechte von Etablierten, weshalb die Vergangenheit zur relevanten Bezugsgröße rechter Gesellschaftsbilder wird. Der Vorschlag Fukuyamas, eine größere und einheitlichere nationale Identität zu definieren, die der Konzentration auf immer enger gefasste Gruppenidentitäten entgegenwirken und etwa kulturübergreifende, „nationale Bekenntnisidentitäten“ fördern soll, die nicht mehr auf gemeinsamen persönlichen Erfahrungen oder auf einer einheitlichen Tradition oder Religion, sondern auf geteilten Grundwerten und -überzeugungen beruhten, muss vor diesem Hintergrund wie ein Placebo erscheinen.

Die vertikale Allianz

Rechtsparteien sind keine Würdelieferanten für Benachteiligte, sondern vielmehr Stabilitätsgaranten in einer durch Umwälzungen aufgerüttelten Gesellschaft, in der die bürgerlichen Parteien Kontinuität und damit die Vorrechte der Etablierten nicht mehr zu garantieren scheinen. Dies ist auch der Grund, warum sich die Anhänger der Rechten, anders als Fukuyama behauptet, keineswegs primär in den unteren Schichten, sondern klassenübergreifend finden.

Trump und die neuen europäischen Rechtsparteien stiften eine vertikale Allianz der Globalisierungsgegner, eine Koalition zwischen konservativen Eliten und Gruppen der sozialen Mitte sowie der Unterprivilegierten, deren gemeinsames Merkmal ist, dass sie ihr persönliches Schicksal eng mit dem Schicksal der Nation verbunden sehen (wenn auch aus unterschiedlichen Gründen) und mit der Unordnung in der Welt in Ruhe gelassen werden wollen. Diese Gruppen erweisen sich als für das Kernversprechen der Rechtsparteien empfänglich, nämlich dafür zu sorgen, dass sich nichts ändert.

Francis Fukuyama: „Identität“. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet“. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2019. 240 S., geb., 22 Euro .

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