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: Fotos aus Nachkriegseuropa

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Als die Grablegung der spanischen Dichtung mag man sich vorstellen, wie Hispanistikstudentinnen im Hinterzimmer einer Flamencoschule in Berlin-Friedrichshain zum Klang einer Vertonung von Federico García Lorcas "Romancero gitano" ihre Selbstfindung zelebrieren. Dieses Szenario würde aber die traurige Realität spanischer Lyrikrezeption in hiesigen Gefilden recht treffend beschreiben.

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          Als die Grablegung der spanischen Dichtung mag man sich vorstellen, wie Hispanistikstudentinnen im Hinterzimmer einer Flamencoschule in Berlin-Friedrichshain zum Klang einer Vertonung von Federico García Lorcas "Romancero gitano" ihre Selbstfindung zelebrieren. Dieses Szenario würde aber die traurige Realität spanischer Lyrikrezeption in hiesigen Gefilden recht treffend beschreiben. Ganz im Gegensatz zu Lateinamerika, wo Autoren wie Pablo Neruda oder Ernesto Cardenal in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts einen Siegeszug weit über die Grenzen ihres eigenen Kontinents hinaus erlebten, schien die Iberische Halbinsel aus der Sicht eines deutschsprachigen Publikums nach dem Bürgerkrieg jahrzehntelang nur unter dem finsteren lyrischen Nachklang des "Ich bin der Bräutigam des Todes" der Franco-Truppen zu zittern. Während hierzulande die Figur Lorcas monolithisiert und verkitscht wurde, erhielten allenfalls noch die Größen des spanischen Exils wie Vicente Aleixandre, Rafael Alberti, Luis Cernuda oder der mit einem späten Nobelpreis geehrte Juan Ramón Jiménez Anerkennung.

          Welche Ungerechtigkeit das darstellt, macht eine einzigartige Anthologie von Javier Gómez-Montero und Petra Strien greifbar, die anhand von zwölf ausgewählten Dichtern ein lebhaftes und facettenreichen Porträt spanischer Lyrik der Nachkriegsmoderne bietet. In einer erfrischend unchronologischen Anordnung gelingt es dem Band, die Vielschichtigkeit und Brisanz eines dichterischen Schaffens nachzuzeichnen, das sich um 1950 nach mehr als einem Jahrzehnt faschistischer Kultursubventionspolitik aus dem Mittelmaß der oratorischen Gleichschaltung erhebt.

          Zu ersten selbstbewußten Ergebnissen führen Texte wie Juan-Eduardo Cirlots lyrischer Nachruf auf den 1951 verstorbenen Arnold Schönberg. Der Versuch, durch eine lyrische transposition d'arts die Klänge des Komponisten in sprachliche Form zu bringen, gerät zur poetischen Selbstpositionierung gegen ein dominierendes Epigonentum: "Und die Harmonie tönt, sich lösend / von leidenden Stoffen, / von toten Formen, / von traurigem Licht, / nackt in der Liebe." Fernab der Vorbilder der vorausgehenden Generation schweift der Blick der jungen Lyriker über die Grenzen des faschistischen Spanien, aber auch der Literatur hinaus. So etwa verwandelt Clara Janés (geboren 1948) die Skulpturen Constantin Brancusis in Worte: "Schwerelos der Stein, / Parenthese der Zeit / und Altar / tiefer Einsamkeit der Menschenseele."

          In ebenso sprachen- und sprachtranszendierender Weise sammelt Jaime Gil de Biedma (1929 bis 1990) unter Evozierung von Préverts und Kosmas Chanson "Les feuilles mortes" seine lyrischen "Photos aus Nachkriegseuropa". Innerhalb dieses "verwahrlosten" Kontinents, "wo der Mond im zerbrochenen Fenster erscheint, / Europa vor dem deutschen Wirtschaftswunder", spiegelt sich Ernüchterung nach der Vernichtung der Republik wider und wird doch auch zu einem in perverser Weise heimeligen Ort der dichterischen Inspiration. Die ironische und paradoxe Erfüllung einer "Vita Beata" lautet für Gil de Biedma: "In einem alten, schlecht regierten Land, / etwa wie Spanien zwischen zwei Bürgerkriegen / hausen wie ein ruinierter Edelmann / in den Ruinen meines Denkvermögens."

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