https://www.faz.net/-gr3-q1dy

: Fotos aus Nachkriegseuropa

  • Aktualisiert am

Daß solche politischen Seitenhiebe und mehr noch Tabubrüche wie die ikonoklastische Umformung eines Klassikers der Troubadourlyrik zum unverhohlen homosexuellen Großstadt-Schäferstündchen ("Albada/Taglied") unter Franco nicht als gesellschaftlich wertvoll erachtet wurden, muß kaum verwundern. Darüber hinaus aber werden die urbanen und intellektuellen Ruinen auch zur existentiellen poetischen Metapher zweier ganzer Generationen. Als "stumme Runenruinen" aus apokryphen Palimpsesten des Mittelalters konzipiert etwa Cirlot seine Dichtung. "Es regnet immer in den Ruinen", verkündet der 1948 geborene poète maudit Leopoldo María Panero und berichtet "sagenhafte Geschichte über Dinge, die es niemals gab / in dem eingestürzten Palast". Ein Zusammenbruch, der jedoch nicht allein politisch oder gesellschaftlich, sondern auch sprachlich begründet ist. Schreiben ist für Panero ein Akt der "Liebe zu den Silben und den Buchstaben, / die die Welt zerstören, / die sie entlasten, / gewiß zu sein."

Letztes Ziel der Dichtung in einer geborstenen Welt ist das Schweigen. Zur poesía del silencio wird das Werk von Autoren wie Cirlot, Antonio Gamoneda und José A. Valente. Neben die zuweilen parodistisch-grotesk gebrochene Tragik tritt aber gerade in Barcelona, der heimlichen Hauptstadt im dichterischen Bereich, eine virtuose Leichtigkeit. Sie nährt sich, so bei Pere Gimferrer (geboren 1945), aus "alten Liebes- und Spionagefilmen" ebenso wie dem "Rausche der kreisenden Planeten" und den Werken von Bach, Hölderlin und Octavio Paz.

Unterstützt wird eine derartige Stimmenvielfalt von der geglückten Entscheidung der Herausgeber, das Buch als Kollektivunternehmen der wichtigsten spanisch-deutschen Lyrikübersetzer zu konzipieren. Ein wenig schade ist allein, daß es dennoch den Anspruch des Titels verfehlt, die "Spanische Lyrik der Gegenwart" zu kondensieren. Zum einen beschränkt sich die Auswahl auf Gedichte in kastilischer Sprache und schließt damit etwa die eindrucksvolle Renaissance katalanischer Lyrik nach dem Tode Francos völlig aus.

Dies führt zu so bizarren Ergebnissen wie der Ausblendung von Gimferrers gesamten, da nunmehr rein katalanischen Publikationen nach 1969. Zudem ist der jüngste Autor, Leopoldo Panero, bereits Mitte Fünfzig und veröffentlicht, dauerhaft in einer Heilanstalt lebend, praktisch nicht mehr. Sechs der elf weiteren Dichter sind tot. Sähe so die "Gegenwart" aus, wäre Spanien eine Art Geisterhaus. Dennoch läßt die exzellente Qualität der ausgewählten Texte eine fortlebende Tradition erahnen, welche die wechselhafte Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht abzubrechen vermochte.

FLORIAN BORCHMEYER.

"Du kamst, Vogel, Herz, im Flug". Spanische Lyrik der Gegenwart. Gedichte 1950- 2000. Spanisch und deutsch. Herausgegeben von Javier Gómez-Montero und Petra Strien. Nachwort von Javier Gómez-Montero. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 210 S., geb., 14,80 [Euro].

Weitere Themen

Topmeldungen

Spuren der Verwüstung: Ein Mann steht in einem zerstörten Mehrfamilienhaus in Tartar, Aserbaidschan.

Rohstoffförderer Aserbaidschan : Der Krieg einer Öl-Macht

Aserbaidschan liefert wichtige Rohstoffe nach Europa. Ein militärischer Konflikt mit Armenien könnte die Handelsbeziehungen nun gefährden. Die Türkei will das verhindern – aus eigenem Interesse.
Französische Sicherheitskräfte nach dem Messerangriff vor dem früheren Redaktionsgebäude der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris

Regierung in Paris alarmiert : Von Islamisten unterwandert

Der Islamismus breitet sich in der französischen Gesellschaft immer weiter aus und dominiert mittlerweile ganze Stadtviertel. Die Regierung in Paris will ihn mit schärferen Gesetzen zurückdrängen.
Ein Schlauchboot, mit dem Migranten über den Ärmelkanal nach Großbritannien übergesetzt sind.

London will abschrecken : Fähren für Asylbewerber?

Immer mehr Migranten erreichen Großbritannien über den Ärmelkanal. Die Regierung will die Migration jetzt eindämmen. Auch die Einrichtung von Asylzentren auf Papua Neuguinea soll dafür im Gespräch gewesen sein.
Ein Demonstrant der rechten „Proud Boys“ diskutiert am 26. September in Portland mit einem Gegendemonstranten.

Nach TV-Duell : Selbst Republikaner kritisieren Trump

Nach der ersten Fernsehdebatte präsentiert sich Präsident Donald Trump als Sieger des Duells mit Joe Biden. Doch sogar ranghohe Republikaner gehen auf Distanz.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.