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: Flieger, grüß ihr die Sonne

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Den "armen B.B.", Bertolt Brecht, trug die Mutter "aus den schwarzen Wäldern ... / in die Städte hinein". "Und die Kälte der Wälder", fährt der Dreiundzwanzigjährige fort, "wird in mir bis zum Absterben sein." Von der Selbstverständlichkeit, "mit der die Wälder des Slawischen in mir liegen", spricht am Anfang ihres neuen Prosabandes "Sterne erben.

          Den "armen B.B.", Bertolt Brecht, trug die Mutter "aus den schwarzen Wäldern ... / in die Städte hinein". "Und die Kälte der Wälder", fährt der Dreiundzwanzigjährige fort, "wird in mir bis zum Absterben sein." Von der Selbstverständlichkeit, "mit der die Wälder des Slawischen in mir liegen", spricht am Anfang ihres neuen Prosabandes "Sterne erben. Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern" die 1973 geborene, aus dem kroatischen Dalmatien nach Deutschland eingewanderte Marica Bodrozic. Doch überraschend dann der Satz: "Aber erst in der deutschen Sprache wird mein eigenes Zuhause für mich selbst hörbar."

          Wohl kennen wir das Sprachdilemma und die Sprachnot exilierter deutscher Schriftsteller im Ausland, kennen aus Heinrich Heines Pariser Zeit dessen wehmütige Liebeserklärung an die deutsche Sprache im Gedicht "Ich hatte einst ein schönes Vaterland". Hier aber ist eine Autorin offenbar nicht nur in ein anderes Land, sondern auch eine fremde Sprache emigriert.

          Dieser Prosaband fasziniert durch die immer vibrierende Spannung zwischen der Welt der Herkunft und deren Vermittlung in der deutschen Sprache. Als Kind mit neun Jahren von ihren Eltern, "Gastarbeitern", nach Deutschland geholt, hat sie keine Schwierigkeiten, in die deutsche Sprache hineinzuwachsen. In ihr erst lernt sie, "an das Leben zu glauben". Diese Sprache ist ihr "Echoraum der Ursprünge" und ermöglicht ihr zugleich "das Größere der Freiheit". Im "Echoraum" liegen, wie schon in den vorhergehenden Büchern "Tito ist tot" und "Der Spieler der inneren Stunde", Heimat, Sehnsuchtsland, verlorene Kindheit, in der man zum ersten Mal "die Welt empfunden hat", auch das durch den Balkankrieg der neunziger Jahre zersprengte Jugoslawien - nicht umwoben von Jugostalgija, von Nostalgie, nicht im Sinne eines Nationalgefühls, wohl aber als das über die Einzelvölker, die Ethnien, ins Universelle Hinausweisende. Wenn sie "mein Land" sagt, meint sie "die ganze Erde".

          Man kann das Buch als Huldigung an die Sprache lesen, in der die Autorin ihre "Werkstatt der Wörter" eingerichtet hat. Deutsche Wörter waren ihr früh das "Zeichen der Liebe". Aber sie hat auch die Reibung der Wahlsprache mit der Sprache der frühen Kindheit gespürt: als sie bei einer kirchlichen Feier im Frankfurter Dom in kroatischer Sprache des Vaterunser ins Mikrofon sprach, als sie in Paris das Französische erlernte und dabei entdeckte, dass unter der "feinen deutschen "Wetterwörterschicht" ihr alter dalmatinischer Dialekt lebte, dass als "Gerüst" für die neue Sprache nicht das Deutsche, sondern die erste, die Muttersprache, in ihr lag. Und doch gibt es ein untrügliches Zeichen dafür, wie tief die deutsche Sprache in ihr Wurzeln geschlagen hat: "Auch in den Träumen verweigerten sich die kroatischen Wörter."

          Verbirgt sich in diesem Prosaband eine Theorie der Einwanderung in eine fremde Sprache? Gewiss nicht. Denn diese Prosa ist durch und durch poetisch, ja, sie wirkt in ihren Bildern manchmal sogar überhitzt. Aber sie schafft eben auch einen "Echoraum", in dem Wörter wie "Herz" oder "Stern" aus ihrer Verschlissenheit erlöst, in ihrer alten Unbefangenheit wieder sagbar werden: meine "Herzerinnerung", "Sterne" als der "Kern der eigenen Biographie, die wir in den Sterntaschen unserer selbst mitgebracht haben".

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