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: Fleißig in den Wind gesät

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Für Jaccottet existiert durchaus eine Hierarchie der poetischen Formen und das Vertrauen darauf, daß sie tragen. Entzieht sich ihm das Gedicht, so schreibt er Prosa oder begnügt sich mit Aufzeichnungen. Das Paradox einer armen Kunst will, daß die geringste Notiz überraschend als Epiphanie aufleuchten kann. Vollendetes und Improvisiertes darf nebeneinander erscheinen. Dem folgt auch die Komposition dieses "Lesebuchs", die der Autor selbst vorgenommen hat. Neben bereits übersetzten Texten steht Neues aus Jaccottets frühester wie jüngster Zeit. Die Anordnung in sechs Abteilungen ist chronologisch. Am Ende eines jeden Kapitels stehen jeweils Aufzeichnungen aus Jaccottets "Carnets". Sie figurieren unter dem schönen Titel "Fliegende Saat".

In diesem Titel drückt sich das Irenische, ja Fromme des Dichters aus. Heidnisch-bukolisch ist sein Begriff von Schönheit. Schönheit ist ihm "verloren wie ein Samenkorn, den Winden ausgeliefert, den Gewittern, geräuschlos, oft verloren, stets zerstört; aber beharrlich von neuem blühend, wie es der Zufall will." Diesen Zufall darf man nicht mit surrealistischen Praktiken oder Zufallsgeneratoren verwechseln. Immer ist es ein Zufall, den der Geist des Dichters lenkt, sobald er seinem eigenen Imperativ folgt: "So muß man weitermachen, in den Wind säen." Er vertraut darauf, daß er ernten wird.

Ebendie "Fliegende Saat" ist es, die dem neu hinzutretenden Leser den Zugang zu einem Dichter erleichtert, der als spröde und schwierig gilt. Manchmal sind es flüchtige Blicke, die er notiert. Oder tastende Bewegungen, ein zögerndes Herantreten an Dinge, probeweise Formulierungen. Aber dann leuchtet plötzlich jene Epiphanie auf, in der die gewöhnlichen Objekte strahlen: "Die Ziegen im Gras / sind fromm vergossene Milch."

Solche Weltfrömmigkeit läßt sich nicht begrifflich festlegen. Jaccottet wartet nicht mit Denkresultaten auf. Was Rilke "lyrische Summen" genannt hat, sind bei ihm verstreute Keime, fliegende Samen. Der Leser soll vergessen, wer sie ausstreut. Dennoch ist dem Dichter die Sehnsucht nicht fremd, das Ausgestreute möge ein Erdreich finden. Manchmal erscheint die Hoffnung, es gebe in den Phänomenen von Welt und Natur tiefere Ordnungen. Jaccottet spricht davon im Ton der zartesten Vermutung: "Es scheint uns, als gäbe es, überall verstreut, noch Stellen, noch Spuren von Tempeln." Da riskiert der Dichter die kleine Sentenz: "Diese Orte helfen uns."

Die Weisheit des Dichters mißt uns Hoffnung in homöopathischen Dosen zu. Sie kommt nicht aus dem immer neu erfrischten Blick eines Dichters, dem wir abnehmen, daß nicht im Schreiben die Schwierigkeit liegt, sondern in einem Leben, in dem das zu Schreibende ganz natürlich entsteht. "Etwas heute beinahe Unmögliches", sagt Jaccottet: "aber ich kann mir keinen anderen Weg vorstellen. Dichtung als Entfaltung, Blüte, oder nichts."

Philippe Jaccottet: "Der Unwissende". Gedichte und Prosa 1946 - 1998. Aus dem Französischen übersetzt von Friedhelm Kemp, Sander Ort, Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Hanser Verlag, München 2003. 184 S., geb., 17,90 [Euro].

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