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Roman über Eta-Terrorismus : War es das wert?

Zu gut für eine nette Versöhnungsgeschichte

Die Folter beim Verhör ist ein Thema, das immer noch propagandistisch ausgeschlachtet wird. Aber zum Teil wohl mit guten Grund. Aramburu stellt die Folter nach Joxe Maris Verhaftung als das Gängige dar, was alle Spanier nachdenklich machen sollte: Auch in diesen Spiegel müssen sie blicken und sich fragen, warum niemand ausbrechen konnte aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Erst 2011 erklärte Eta das „definitive Ende des bewaffneten Kampfes“. Und das war es. Bis heute.

Was aber war es genau? Warum mussten in einem halben Jahrhundert mehr als achthundert Menschen sterben? Für welches politische „Projekt“, um welcher Sache willen? Dieser Streit ist noch nicht beendet, und was die baskische Gesellschaft als Ganze erlitten hat, taucht in keiner Bilanz auf: Angst, Schweigen, Opportunismus. Aber auch betrogene Ideale, wie der siebzehn Jahre einsitzende Joxe Mari erkennt. Aramburus radikal unerschrockene Gegenüberstellung der Opferwelt und der Täterwelt könnte erklären, warum „Patria“ in Spanien mit bisher 700 000 verkauften Exemplaren zum Sensationserfolg des Jahres 2017 wurde – auch im Baskenland – und die wichtigsten Literaturpreise des Landes erhielt. In einer Zeit, die den Streit um die katalanische Unabhängigkeit auf einen vorläufigen Höhepunkt getrieben hat, wischt „Patria“ die ideologischen Spinnweben weg und zeigt: Menschen im Schmerz, Menschen im Zweifel, Menschen, die dennoch ein paar Schritte aufeinander zugehen.

Fernando Aramburu

Aramburu ist als Schriftsteller zu gut, um eine nette Versöhnungsgeschichte zu liefern. Gerade bei Figuren, die dem Konflikt auf die eine oder andere Weise ausweichen, entwirft er persönlichen Entscheidungsspielraum. Wie bei Arantxa, Mirens Tochter, die nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt und die Annäherung an Bittori auf ihre eigene Weise betreibt. Wie beim konfliktscheuen Xabier, einem Arzt in San Sebastián, der seine Einsamkeit heimlich im Cognac ersäuft. Oder wie bei Gorka, Mirens Jüngstem, der in die baskische Sprache flieht und der als Buchautor und Radiomoderator am Ende vielleicht das einzige glaubhafte „Projekt“ überhaupt vorzuweisen hat – die Pflege der eigenen Kultur.

In einer Szene von hinreißender Beiläufigkeit versucht Gorka, seinem Vater zu erzählen, dass er in Bilbao mit einem Mann zusammenlebt. Doch das Coming-Out verpufft; Joxian plappert weiter vor sich hin, weil sein Ältester, der bei Eta ist, immer das wichtigere Thema darstellt. So geschieht es eben mit dem Privatleben: Es wird von der Politik, dem höheren Gut, aufgefressen. Bis am Ende alles nur noch im Namen der Politik geschieht, jede Lüge gutgeheißen, jedes Verbrechen verteidigt, jedes Opfer gerechtfertigt wird. „Patria“, ein ebenso großmütiger wie leidenschaftlicher Roman, erhebt Einspruch gegen die alles durchdringende Ideologie des Nationalismus. Viel zu lange hat die baskische Gesellschaft – wie Bittori auf dem Friedhof – mit den Toten gesprochen. Zeit, sich um die Lebenden zu kümmern.

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