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Roman über Eta-Terrorismus : War es das wert?

Warum eigentlich nicht? Vielleicht, weil früher Bücher sich immer auf eines der beiden Lager konzentriert haben. Aramburu dagegen, Jahrgang 1959 und seit mehr als dreißig Jahren in Hannover ansässig, lässt auf siebenhundert Seiten seine neun Figuren sprechen und gibt jeder ihre persönliche Geschichte, als stünde jede mit dem Leser im direkten Zwiegespräch. Keine Master-Erzählung, kein Blick von oben, sondern das rohe Denken jedes Einzelnen – intim, ehrlich, oft ratlos oder verzweifelt. Gewalt als Virus, das alle ansteckt und alle deformiert.

Am Leben normaler Menschen interessiert

In diesem Panorama darf man die anonyme Mehrheit im Dorf getrost als eigenen Mitspieler betrachten, denn hier, wo nichts im Verborgenen geschieht, weiß natürlich auch jeder, wer über die politische Stimmung entscheidet. Einmal Patxi, der Kneipenwirt, unverhohlen ein Eta-Mann, der die Dorfjugend schon an der Tränke rekrutiert; aber auch Don Serapio, der ölige katholische Priester, der die nationalistische Causa mit frommen Sprüchen unterstützt.

Txato, der erfolgreiche Fuhrunternehmer, gehörte noch bis gestern dazu. Wie andere Männer des Dorfes, auch sein alter Freund Joxian, der sich zu seinen Kaninchen verzieht, wenn es brenzlig wird, hat er Karten gespielt, immer dieselbe Kneipe besucht und am Sonntag Touren mit dem Rennrad veranstaltet. Er hat auch die „Revolutionssteuer“ bezahlt, die Eta von den Vermögenden des Dorfes eintreibt. Als bald nach der ersten Zahlung aber eine neue Forderung eintrifft, beschließt Txato, sich zu verweigern. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil die Abgabe ihn finanziell überfordern würde. Möglicherweise hat sich jemand vertan, denkt er; vielleicht lässt sich ja mit den Leuten reden.

Doch dazu kommt es nicht. Plötzlich stehen Denunziationen an den Hauswänden. Txato, „Spitzel“. Txato, „Unterdrücker des Volkes“. Und schon rücken die Nachbarn ab und verweigern den Gruß, ein Terror der schweigenden Mehrheit wie im „Besuch der alten Dame“. Drohungen landen im Briefkasten, Unrat vor Txatos Haustür, das ganze Einmaleins der Einschüchterung, die ein halbes Jahrhundert lang zum Alltag im Baskenland gehörte und dazu geführt hat, dass Tausende Bürger ihre Heimat verließen und andere sich nur noch mit Leibwächter durch die Straßen bewegten. Ein sturer Kopf, dieser Txato. Überpinselt die Parolen und schickt allenfalls seine Tochter Nerea zum Studieren nach Saragossa, damit die toxischen Wellen sie nicht erreichen.

Fernando Aramburu ist am Leben normaler Menschen interessiert, nicht an der politischen Debatte um den „baskischen Konflikt“. Sein Roman, den Willi Zurbrüggen mit gewohnter Meisterschaft ins Deutsche gebracht hat, verlässt kaum je die private Ebene und ist ebendeshalb umso politischer. Miren, die glühende Nationalistin, erwartet vom heiligen Ignatius von Loyola Beistand für den Kampf um „Euskal Herria“ (das baskische Vaterland) und stellt die Motive ihres Sohnes für den bewaffneten Kampf nicht in Frage. Eines Tages jedenfalls taucht Joxe Mari nach Frankreich ab, zum klandestinen Training. Was ihn motiviert, bleibt vage – Langeweile, undefinierter Hass auf die spanische „Besatzungsmacht“ und ein bisschen Lust an prolliger Radikalisierung. Vermutlich war es für die meisten Eta-Leute wirklich so banal.

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