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Feridun Zaimoglus neuer Roman : Wer sind wir, wenn wir aus der Fremde kommen?

Feridun Zaimoglu ist für den Deutschen Buchpreis nominiert. Bild: dpa

Feridun Zaimoglus „Siebentürmeviertel“ ist ein großes Oratorium der Stimmen aus dem Istanbul der vierziger Jahre. Auf achthundert Seiten führt Zaimoglu den Bildungsroman mit vielen toten Enden ad absurdum.

          Der neue Roman von Feridun Zaimolgu hat keinen Anfang. Einen Prolog, ja, aber der führt nicht hin zu diesem Buch, sondern legt gleich los. „Sie nennen mich Hitlers Sohn“, lautet der erste Satz. „Flüchtiger Arier. Kind mit Kraft. Sie nennen mich Windhundwelpe des Führers. Sie rufen mich den Gelben, die kleine Sonne, Zauberperle, lachendes glückliches Äffchen. Sie sagen: Verwandle dich nicht, und wir werden dich bewundern. Sie wollen mir schmeicheln, also lächele ich sie an.“ Aber wer sie sind? Und wer der Erzähler ist, der sich von der namenlosen Masse auf so rätselhafte Weise gespiegelt sieht? Fragen über Fragen, und Antworten sind erst mal keine in Sicht.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn was Zaimoglu anstelle einer klaren Antwort anbietet, ist eine lange Reise. Sie beginnt für den Leser genauso wie für die Hauptfigur, den, wie wir letztlich erfahren, zu Beginn des Romans sechs Jahre alten Ich-Erzähler Wolf, mit einem kräftigen Stoß hinein in eine fremde Welt. Wolfs Vater, ein Sozialdemokrat mit Prinzipien, muss seine deutsche Heimat 1939 verlassen und flieht nach Istanbul. Im Siebentürmeviertel, dem der Roman seinen Titel verdankt, findet er Unterschlupf, zieht selbst bald weiter, lässt seinen Sohn aber im Haus des Freundes Abdullah Bey zurück, der dem Jungen sofort zum zweiten (und bald auch zum eigentlichen) Vater wird. Wolf wächst in der Fremde auf. Seine Geschichte ist die einer Integration unter mehrfach umgekehrten Vorzeichen: Hier kommt kein Kind nach Deutschland, das so viel moderner ist als sein türkisches Vaterland. Hier muss sich ein Deutscher in einem Teil der Türkei zurechtfinden, der sich die kemalistische Fortschrittlichkeit der gerade erst ausgerufenen Republik bisher noch weitgehend vom Leib gehalten hat.

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          Nicht ohne Grund schreibt Zaimoglu in seinem knapp achthundert Seiten starken Buch - dessen Vielschichtigkeit durch die ein oder andere Straffung allerdings auch nicht verloren gegangen wäre - immer wieder von einem „Istanbul des Jenseits“. Er meint damit witzigerweise aber nicht das Siebentürmeviertel, sondern jenes sich schon auf dem Weg in die Moderne befindende Istanbul, das von Wolfs Viertel aus nur über eine Brücke zu erreichen ist, die hier mehr trennt als verbindet. Denn das Siebentürmeviertel lebt nach anderen, uralten Gesetzen. Und sie machen Wolf, aber mehr noch dem Leser das Leben mitunter schwer.

          Zum einen liegt das an der Vergangenheit, die für die Orientierung in diesem Mikrokosmos von entscheidender Bedeutung ist, sich aber nur über einzelne, lose eingestreute Sätze allmählich erschließt. Denn wie die vielen Bewohner, die gottlob auch in einem Personenverzeichnis am Ende des Buches aufgelistet sind, zueinander stehen, wem ihre jeweilige Loyalität gilt, wem sie Rache schworen, wen sie heimlich begehren, welchen Gott sie anbeten - das ganze komplizierte Gefüge von Freund- und Gegnerschaften beruht nicht nur auf teils uralten Geschichten und Traditionen. Genauso wichtig für die sich im Kleinen stets wandelnde Figurenkonstellation sind Gerüchte, Prophezeiungen, ein ausgeprägter Aberglaube und das Festhalten an einer Rechtslogik, die Gleiches nicht mit Gleichem, sondern mit Größerem bestraft. Die härteste Währung ist hier noch immer der Tod, eine Narbe ist die kleinste Münze.

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