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„Die Geschichte der Frau“ : Harte Kruste, gedämpftes Herz

Auf der Leipziger Buchmesse im Jahr 2015: Autor Feridun Zaimoglu Bild: dpa

In „Die Geschichte der Frau“ lässt Feridun Zaimoglu zehn Erzählerinnen aus dreitausendfünfhundert Jahren der Menschheitsgeschichte berichten.

          Zippora, Antigone, Judith, Brunhild, Lisette Bielstein und Valerie Solanas, dazu ein Opfer des Hexenwahns, eine Trümmerfrau, eine türkische Migrantin und eine gewisse Lore Lay: Die Erzählerinnen in Feridun Zaimoglus für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiertem Werk „Die Geschichte der Frau“ stammen aus dreitausendfünfhundert Jahren der Menschheitsgeschichte. Anders etwa als im Fall von Christine Brückners „Wenn du geredet hättest, Desdemona“ wären einem wohl die wenigsten von ihnen eingefallen, wenn es um ein solches Projekt geht, und nicht nur in dieser Hinsicht wirkt Zaimoglus Buch originell: Zippora, der Frau des Moses, die den meisten Lesern neu sein wird, verleiht der Autor eine Sprache, die von fern an das Deutsch des Alten Testaments erinnert, und das dröhnende Erzählen Brunhilds, die sich selbst „kraftkühne Kriegerin“ nennt, zeigt Anklänge an die Stabreimdichtung der Edda.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Ganz offensichtlich bemüht sich Zaimoglu insgesamt in diesem Band, jeder Erzählerin eine eigene Sprache zu verleihen und diese wiederum deutlich von der uns vertrauten abzuheben – ein doppelter Ansatz, der naturgemäß auf den ersten Blick eher dort einleuchtet, wo uns auch die Personen zeitlich und kulturell fern sind. Allerdings zielt Zaimoglu gar nicht auf ein realistisches Bild einer bestimmten Frau in einer bestimmten Epoche und schon gar nicht auf eine Sprache, die derjenigen gleicht, die man in einem solchen Fall erwarten könnte.

          Feridun Zaimoglu: „Die Geschichte der Frau“. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 400 S., geb., 24,– €.

          So gibt sich eine gewisse Hiltrud Tillmans in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs und in den ersten des Friedens betont hart und ungerührt, auch wenn sie den Invaliden, mit dem sie gerade noch lange Gespräche geführt hat, bei ihrer Rückkehr in den Unterschlupf mit eingeschlagenem Schädel antrifft. Dann holt sie tief Luft und setzt zur Rede an: „Ein Brand der Vergeltung, haben wir es nicht verdient, nicht die Kinder, nicht die Alten, doch wir haben die Bomber gerufen“ – und schließlich: „Tote Nerven, keine Heilung möglich, sie müssten durch viele Krusten schneiden und durch die Läuse, bis sie auf verdorrte Organe stoßen, auf ein gedämpft schlagendes Herz.“

          Immer wieder sieht man die Erzählerinnen durch die Jahrtausende wie auf einer Bühnenrampe stehen und mit Theaterstimme zu uns sprechen. Und immer wieder macht es sich eine Erzählerin zu leicht, weil sie die angestrengt fremde Sprache für allzu naheliegende Bilder einsetzt, etwa wenn Brunhild die Reaktion ihres ärgsten Feindes auf die Nachricht schildert, ihre Schwägerin Kriemhild habe von Siegfried reich geerbt: „,Der Nibelungenhort‘, sagt Hagen hart, seine Augen glimmen“ – derlei klingt dann nicht sprachmächtig, sondern hilflos. Immerhin: Einen Hagen, der ständig an die Leiche des von ihm ermordeten Siegfried tritt, weil ihn das dann aufs neue fließende Blut so erfreut, kannte die Nibelungenrezeption noch nicht.

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