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Ferdinand von Schirach: Tabu : Die Schönheit kennt keine Wahrheit

Bild: Piper

Operation Sphinx: Ferdinand von Schirach bleibt in seinem zweiten Roman der Schuldfrage treu.

          So spricht Büchners Danton: „Wir wissen wenig voneinander. Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab – wir sind sehr einsam.“ Das war 1835.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Heute, in Ferdinand von Schirachs zweitem Roman „Tabu“, klingt das so: „,Menschen können sich ändern‘, sagte Sofia. ,Ach kommen Sie, solche Sätze sagt James Stewart in seinen Filmen. Nein, Menschen ändern sich nicht, das gibt es nur in Romanen. Wir stehen nebeneinander, wir berühren uns kaum. Es gibt keine Entwicklung. Wir erleben etwas, vielleicht geht es gut, vielleicht geht es schief. Nur als Schauspieler werden wir besser. Wir lernen zu verbergen, wer wir wirklich sind‘, sagte Biegler.“

          Traumatisierende Tiefschläge

          Biegler, das ist der Berliner Rechtsanwalt, der Sofias Lebensgefährten Sebastian von Eschburg vor Gericht verteidigt. Der Fotograf und Installationskünstler ist angeklagt, eine Frau ermordet und die Leiche spurlos entsorgt zu lassen. Die Szene steht schon ziemlich am Ende der Geschichte, die in vier Farbkapiteln, „Grün“, „Rot“, „Blau“ und „Weiß“, erzählt wird – getreu der Farbenlehre von Helmholtz, der zufolge die Mischung der ersten drei Farben als Weiß erscheint. Der Satz ist dem Roman als Motto vorangestellt.

          Drei Farben Blues: Im ersten Kapitel sehen wir Kindheit und Jugend des Angeklagten. Ein maroder Landsitz an einem bayerischen See, man trudelt der Pleite entgegen. Die Adelsfamilie ist kraftlos und ausgelaugt – eine gefühlskalte Pferdenärrin als Mutter, ein trunksüchtiger Jäger als Vater, ein kaltes Internat in den Schweizer Bergen, in das man den Knaben steckt. Der ist – wie sein Erfinder – Synästhetiker, das heißt, er sieht und empfindet Gegenstände und Menschen in einem jeweils nur ihm sichtbaren Farbkleid. Die Haut des Vaters ist grünblau, die der Mutter farblos.

          Als wäre das nicht genug der Bürde, hält das Leben für den Jungen Sebastian noch weitere Tiefschläge bereit, die ihn endgültig traumatisieren. Bilder vom Ausweiden eines Rehs lassen ihn nicht los; der Vater erschießt sich mit einer Schrotflinte, die Mutter verkauft das Haus am See, nimmt sich einen Geliebten, der Sebastian ohrfeigt. Im Internat wird er immer seltsamer, führt laute Selbstgespräche. Visuelle Halluzinationen lautet die Diagnose.

          Instabile sprachliche Register

          Der Bruch mit der Mutter ist unausweichlich. Nach dem Abitur geht Eschburg nach Berlin, wird von einem berühmten Fotografen ausgebildet. Schon mit 25 Jahren ist er etabliert, porträtiert die Reichen und Schönen, ist Spezialist für Aktfotografie. Schuld ist das Thema, über das er nicht hinwegkommt. Auch nicht, als er anfängt, mit pornographischen Inszenierungen – etwa einer Variation auf Goyas nackte und bekleidete Maja – seiner Welt die Wahrheit zu entreißen. Stattdessen entgleitet sie ihm.

          Er begegnet einer ominösen Ukrainerin namens Senja Finks, die sich angeblich mit Gewalt aus den Klauen von Sexsklavenhändlern befreit hat. Später, beim Prozess, wird sich zeigen, dass es diese Frau vielleicht gar nicht gegeben hat, dass Eschburg auf seinem Weg in die internationale Kunstkarriere die Bodenhaftung verloren hat.

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