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Ferdinand von Schirach: „Schuld“ : Paulsberg hatte nicht mehr töten wollen

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Bild: Verlag

Vom winzigen Spalt, der den Gedanken von der Tat trennt: In den neuen, fesselnden Geschichten Ferdinand von Schirachs gerät unsere Alltagsmoral ins Wanken.

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          Das Geheimnis der neuen Erzählungen Ferdinand von Schirachs liegt irgendwo an deren Oberfläche, jedenfalls nicht in der Tiefe. Es gibt keine Fallen und Finten. Keine sprachartistischen Manöver. Nur Menschen und ihre gewaltigen Lebens-Steinbrüche, in festen, schwarzen Strichen skizziert, wie zu einer Ausstellung notdürftig mit Titeln versehen: „Kinder“, „Der Koffer“, „Verlangen“, „Schnee“. Oder auch nur ein Adjektiv: „Einsam“.

          Das Leben bekommt eine Unwucht

          Alle schildern Gewalt. Vor- und Nachspiel mit Strafmaß. Mord, Vergewaltigung, Kindstötung, Folter. Anverwandelte Stoffe, inspiriert durch die Arbeit des Autors als Strafverteidiger (F.A.Z. vom 2. August). Nach dem großen Erfolg des Debütbandes „Verbrechen“ (2009) hat der Autor jetzt fünfzehn Stories nachgelegt: „Schuld“. Und wieder sucht man, die Geschichte rückwärts blätternd, nach genau der Stelle, wo ein Leben zum ersten Mal „eine Unwucht“ bekommt. Wieder ertappt man sich dabei, danach sogar im Text selbst eine Unwucht zu wittern. Hat er hier nicht ein wenig knapp skizziert? Ist der Aufbau nicht zu programmatisch? Wo ist der Sprachwiderstand, der uns je nach Fall verschiedenartige Wunden aufblättern sollte, nicht nur immer wieder die eine, die sich sofort verschließt: „Die Dinge sind, wie sie sind“, gibt uns der Autor als Motto ein Aristoteles-Zitat mit auf den Weg. Also los.

          Das Merkwürdigste an diesen Texten ist, dass sie einem erlauben, sich nicht zu ihnen zu verhalten. Tut man es aber doch, bringen sie letzte Glaubensreste zu Fall. Sie verlagern die Frage nach Schuld und Schicksal in unser Lesergewissen. Nur leicht federt die Figur des Strafverteidigers mit dem mehr oder weniger kühlen Kopf diese Frage ab. Wo nicht, laufen die Geschichten als ratlose innere Monologe im eigenen Kopfkino weiter. Sie ziehen an und stoßen ab. Manche lassen einen sogar kalt, weil wir Tatortgeschulten die Anzeichen früh zu deuten wissen und vorbeugen. „Sie hatte nur einen Slip und ein T-Shirt an.“ Oder: „Es waren ordentliche Männer mit ordentlichen Berufen.“ Oder: „Als Henry sechs Jahre alt war, wurde er eingeschult, und die Dinge begannen schief zu laufen.“ Sätze wie Stichwortgeber, bei denen man die emotionalen Einfallsschleusen vorsichtshalber verschließt. Der Blick durch die halb geöffnete Tür in den dunklen Flur. Gleich wird etwas passieren, und man ahnt sogar schon, was.

          Die Stille des Verbrechens

          Zuvor noch ein kurzer Schwenk auf Zukunftswünsche des Opfers: „wollte mit ihrem Freund durch Europa fahren“; noch ein Jahr Abitur, „dann Medizin in Berlin oder München“, und ja, „sie freute sich darauf“. Jetzt kellnert sie bei einem Volksfest und bringt den „ordentlichen Männern“ der Kapelle hinterm Vorhang ihr Bier. Dann gleitet sie aus. Das Bier ergießt sich über ihr weißes T-Shirt und wird durchsichtig, sie trägt keinen BH. „Weil es ihr peinlich war, lachte sie, und dann sah sie die Männer an, die plötzlich stumm wurden und sie anstarrten. Der Erste streckte die Hand nach ihr aus, und alles begann.“

          Möglichen Voyeurismus bedient von Schirach kaum. Sein Erzähler verweilt hinter dem Vorhang und beschreibt den Widerspruch der ungestört weiterpulsierenden Welt: „die Lautsprecher brüllten einen Michael-Jackson-Song, und der Rhythmus auf der Tanzfläche wurde zum Rhythmus der Männer, und später würde niemand etwas erklären können.“ Musik kommt in Schirachs Geschichten selten vor. Sie wirken manchmal so still, dass man nicht einmal genau sagen kann, ob sie zu schlicht und zu einfach und deshalb schlecht sind – oder schlicht und gut.

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