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: Femme fatale auf tschuktschisch

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Der Gouverneur von Tschukotka, einer Halbinsel im äußersten Nordosten Russlands, verbringt die meiste Zeit bekanntlich in London, wo dem Multimilliardär unter anderem ein Fußballklub gehört. Der Tausende von Kilometern vom Wohnsitz des Gouverneurs entfernte Regierungsbezirk ist doppelt so groß wie Deutschland und reich an Öl, Gas und Gold.

          Der Gouverneur von Tschukotka, einer Halbinsel im äußersten Nordosten Russlands, verbringt die meiste Zeit bekanntlich in London, wo dem Multimilliardär unter anderem ein Fußballklub gehört. Der Tausende von Kilometern vom Wohnsitz des Gouverneurs entfernte Regierungsbezirk ist doppelt so groß wie Deutschland und reich an Öl, Gas und Gold. Weniger als 50 000 Menschen leben hier. Das Amt hatte Putin dem russischen Oligarchen Roman Abramowitsch höchstpersönlich angetragen, es verschafft strafrechtliche Immunität.

          Tschukotka ist nur ein Beispiel dafür, worum es im Machtpoker des neuen Russlands geht. Worum es nicht geht, davon erzählt der 1930 als Sohn eines Jägers in einer Siedlung auf Tschukotka geborene Juri Rytchëu. Der heute in Sankt Petersburg lebende Autor ist die einzige Stimme der kleinen Völker des russischen Nordens, die auch im Westen gehört werden kann. Dem Zürcher Unionsverlag ist zu danken, dass er sich immer wieder um Literaturen kleiner Völker aus fernen Regionen bemüht, die, wenn wir den Blick von ihnen ganz abwenden, einfach aufhören zu existieren.

          Aus Rytchëu, dem einstigen Ziehkind sowjetischer Nationalitätenpolitik, zu deren Prestigeprojekten Nationalschriftsteller gehörten, ist in den vergangenen Jahren ein scharfer Kritiker des sowjetischen Systems und der kruden postkommunistischen Marktwirtschaft geworden, der mit seinen in kurzer Folge erschienenen Romanen und Erzählungen ein einzigartiges Dokument der Agonie, aber auch der Widerstandskraft dieser uralten Kultur an der Behringstraße schuf.

          Der Kommunismus zwang die Rentiernomaden und Waljäger in Kolchosen, machte sie sesshaft und russifizierte ihre Sprache und Kultur, so dass heute nur noch etwa die Hälfte der verbliebenen 15 000 Tschuktschen ihrer Muttersprache mächtig ist. Im Sozialismus galt das Nordvolk als hinterwäldlerisch und war eine beliebte Zielscheibe des blühenden, von Rassenklischees strotzenden sowjetischen Witzes.

          In der Marktökonomie schließlich hat der Tschuktsche seine Schuldigkeit getan, das neue Russland kann auf die bigotte Ideologie der Völkerfamilie verzichten. Öl, Gas und Gold werden von anderen als den Ureinwohnern gefördert, und wie andernorts müssen auch hier paradoxerweise jene den höchsten Preis für gesellschaftliche Veränderungen zahlen, die am wenigsten von dieser Gesellschaft profitieren und an ihren Rändern mehr schlecht als recht existieren. Die über Jahrtausende autark lebenden Nordvölker hängen heute am Tropf Moskaus, das sie nur noch widerwillig und mehr als unzulänglich mit dem Lebensnotwendigen versorgt.

          Rytchëus Roman führt zurück in das Jahr 1991, als mit dem Staatsstreich in Moskau und dem Sieg Jelzins über Gorbatschow das letzte Kapitel der Sowjetunion besiegelt wurde. Wie überall im Land muss auch auf Tschukotka nach dem Verbot der Kommunistischen Partei durch Jelzin neu gewählt werden. Anstelle eines vom Volk akzeptierten Kandidaten aus der Region gelingt es ehemaligen Parteikadern aus der zweiten und dritten Reihe, mit Bestechung und Betrug die Posten an sich zu reißen. Diesen zugereisten "Tangitan" geht es um Wohnungen im milden europäischen Teil Russlands, um Reisen zu internationalen Konferenzen, ums Dazugehören zum Kreis der Mächtigen. Die Menschen auf Tschukotka kümmern sie wenig. Denen mangelt es an Lebensmitteln und Brennmaterial, die schlecht isolierten Wohnblocks aus Chruschtschows Zeiten sind verfallen, die letzten Staatsbetriebe bankrott. Man heizt wieder mit Fischtran und lebt von dem, was man mit maroden Booten und Schlitten jagt. Allein Alkohol, an dem der russische Staat ordentlich verdient, ist in allen Varianten zu haben, einschließlich des vom Chefarzt des Krankenhauses selbstgebrannten.

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