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Felicitas Hoppes Nibelungen : Es werden Köpfe rollen

Er war’s: In Fritz Langs Stummfilm „Die Nibelungen“ lässt Kriemhild (Margarete Schön) keinen Zweifel an Hagens (Hans Adalbert Schlettow) Schuld. Bild: British Film Institute

Als die Schätze in die Welt zogen: Felicitas Hoppe macht in „Die Nibelungen“ aus einem alten Stoff mit größter Raffinesse ein reines literarisches Vergnügen.

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          Zwischen den Akten sollten Schauspieler ihre Ruhe haben. Diese aber, beschäftigt bei einer Aufführung der „Nibelungen“ in Worms, stehen einem aufdringlichen Reporter Rede und Antwort – vielleicht auch einer Reporterin, so genau weiß man das nicht, schließlich bekommen wir nur die Protokolle der Interviews zu lesen. Etwa das Gespräch mit der Darstellerin der Brunhild („1998 in Hamburg geboren, im Besitz eines Schauspiel- und Lotsenpatents“), die über ihre Rolle sagt, die Königin sei „eine Sammlerin, die Köpfe wie andre Auszeichnungen sammelt. Hat man einmal mit der Sammelei angefangen, hört man nie wieder damit auf. Wer den ersten Kopf hat, will auch den letzten haben.“ Oder mit dem Darsteller des alten Kämpfers Dietrich von Bern, der über den Unterschied zwischen Tortenschlachten und echtem Gemetzel spricht. Und schließlich der Schauspieler, der den Rüdiger von Bechelaren gibt und den Reiz des Nibelungen-Stoffes so bestimmt: „Ganz egal, wer darin welche Rolle spielt, am Ende kommen fast alle um und damit alle auf ihre Kosten, jeder verliert seinen eigenen Kopf und ist damit buchstäblich bei sich.“

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Das Nibelungenlied, um 1200 verfasst und seit etwa 200 Jahren der bekannteste mittelalterliche Stoff neben der Artus-Legende, ist Ausgangspunkt von Felicitas Hoppes Roman „Die Nibelungen“ mit der aparten Gattungsbezeichnung „Ein deutscher Stummfilm“. Unter den für den Deutschen Buchpreis nominierten Titeln gehört er zu den verspieltesten, formal anspruchsvollsten und zugleich zu den witzigsten.

          Felicitas Hoppe: „Die Nibelungen“. Ein deutscher Stummfilm. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main, 2021. 256 S., geb., 22 €.
          Felicitas Hoppe: „Die Nibelungen“. Ein deutscher Stummfilm. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main, 2021. 256 S., geb., 22 €. : Bild: S. Fischer Verlag

          Wer sich da allerdings eine plane Nacherzählung der Nibelungen-Handlung erhofft hat, wird sich enttäuscht sehen, muss sich allerdings auch fragen lassen, warum er nicht zu einem der dutzendfach vorhandenen Texte greift, die genau das leisten: die Wiedergabe einer Geschichte des jungen Drachentöters Siegfried, der mit seinem Goldschatz nach Worms kommt, um die schöne Kriemhild zu heiraten, deren Bruder Gunther hilft, die ebenso schöne Brunhild auf Island zu gewinnen, vom finsteren Hagen ermordet und später seines Schatzes beraubt wird. Kriemhild aber findet sich mit beidem nicht ab und entwirft einen monströsen Racheplan, der praktisch allen Burgunderrittern den Tod bringt und am Ende auch ihr.

          All das erzählt Hoppe auch, aber aus diesem Stoff wird bei ihr ein Kunstwerk mit inhaltlich wie formal aufs schönste fließenden Grenzen. Unter Großkapiteln wie „Der Rhein“, „Die Donau“ und „Die Klage“ wird die Handlungsstruktur der Vorlage sichtbar, die in zwei Teile und einen dritten zerfällt, der oft vernachlässigt wird und doch im Kontrast zu den anderen für das Gefüge des Werks unverzichtbar ist. Hoppe aber setzt mit noch zwei weiteren Kapiteln, beide mit „Pause“ überschrieben und zwischen den drei anderen platziert, einen Akzent, der schon allein einem allzu planen Handlungsfluss von der Quelle – Siegfrieds Ankunft – zur Mündung – dem großen Gemetzel – geradewegs zuwiderläuft.

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