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Fariba Vafi: Kellervogel : Kanada ist auch nur ein Traum

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Bild: Verlag

Fariba Vafi stellt in ihrem Roman ungewöhnliche Fragen an das Leben im Iran: Lohnt es sich vielleicht zu bleiben? Und hat der Mensch auch in einer Diktatur eine Chance auf Glück?

          Fast allen ihren Gegnern haben die Mullahs in Iran den Garaus gemacht: den Kommunisten, den Sozialisten, den Bürgerlichen. Ein Kontrahent ist den alten Männern jedoch geblieben, und sie werden ihn nicht los: die Frauen. Leise und hartnäckig ringen vor allem junge Iranerinnen um mehr Freiräume, um mehr Selbstbestimmung und damit auch um ein bisschen mehr an Demokratie. Gut sechzig Prozent der Studierenden im Gottesstaat sind weiblich, und jeder weiß, die Zeit arbeitet für sie. Keine Diktatur währt ewig.

          Wie so ein zäher Kampf im Alltag aussehen kann, zeigt das 2002 im Original unter dem Titel „Mein Vogel“ erschienene Romandebüt von Fariba Vafi. Auf einhundertfünfzig Seiten schildert die 1962 in Täbris geborene Autorin eine im städtischen Milieu angesiedelte Ehe- und Familienkrise, die sich auf den ersten Blick kaum von einer in westlichen Metropolen unterscheidet: Entfremdung in der Familie, nicht nur zwischen den Eheleuten, sondern auch zwischen den Geschwistern und den Generationen, das seelische und ökonomische Risiko eines eher unfreiwilligen Hausfrauendaseins, demenzkranke Eltern und die aus der Betreuung zweier kleiner Kinder herrührende körperliche Erschöpfung.

          Das Recht auf Glück?

          Unterlegt wird diese Allerweltstragik jedoch mit einer existentiellen Frage, die jenen, die als Teil einer schweigend revoltierenden Masse in einer Diktatur gelebt haben, vertraut sein dürfte: die Crux zwischen dem Drang, die trostlose Enge der Heimat hinter sich zu lassen einerseits, und der Bindung an Vertrautes andererseits. Kurz: die Wahl zwischen der Freiheit zu gehen und der Freiheit zu bleiben, eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Beim Lesen dieses unprätentiösen, lakonischen Buches ist man unweigerlich an den preisgekrönten iranischen Film „Nader und Simin. Eine Trennung“ erinnert.

          Man spürt die tragische Verkettung von Privatem und Politischem, von Hoffnung und Perspektivlosigkeit. Die beengten Wohnverhältnisse, die dünnen Wände, durch die die Erzählerin das Leben der Nachbarn miterleben muss, lassen Angst, Erschöpfung und Frustration geradezu körperlich spüren. Und obwohl weder Religion noch Politik an irgendeiner Stelle explizit erwähnt werden, ist jede Zeile mit einem politischen Subtext unterlegt: Hat der Mensch auch in einer Diktatur die Chance und das Recht auf Glück? Ist das Leben in einer persönlichen Nische Feigheit? Ist Freiheit alles? Lohnt es zu bleiben, und welchen Preis muss man für das Exil zahlen?

          Beharren auf das Vertraute

          Die Erzählerin, eine Mittdreißigerin und Mutter zweier Kinder, ist stolz auf ihr erstes eigenes Zuhause, eine fünfzig Quadratmeter große Eigentumswohnung in einer unbenannten iranischen Großstadt. Sie sinniert über das einsame Sterben ihres demenzkranken Vaters, den die herrische Mutter zuletzt im Keller einsperrte, ein trauriges Sinnbild für den Zustand im Land. Die unverheiratete, emanzipierte Schwester macht Karriere, die andere Schwester lebt in den Vereinigten Staaten. Sie selbst kümmert sich um Haus und Kinder, auch weil ihr Mann Amir in der Bildung und Erziehung der Kinder die wichtigste Ressource für deren Zukunft sieht. Für ihren Mann ist die Wohnung aber kein Ort des Rückzugs, sondern ein Klotz am Bein, allenfalls eine Durchgangsstation in ein besseres Leben, das in seinen Phantasien nur im Westen, vorzugsweise in Kanada, liegen kann.

          Die Auswanderung wird zur Obsession. In Iran sieht er keine Zukunft, und um zunächst seine Auswanderung zu finanzieren, will er die Immobilie, an die sich die Erzählerin klammert, verkaufen. Sie erspürt die Schimäre des Weggehens, sieht in der ohnehin schwierigen und riskanten Emigration keinen Ausweg, sondern ein Manöver ihres Mannes, nicht nur dem Regime, sondern auch der zunehmenden Entfremdung in der Ehe zu entfliehen. Sie beharrt auf dem Vertrauten, wie deprimierend es zuweilen auch sein mag, und flüchtet nicht ins Ausland, sondern in die innere Emigration. Am Ende bleibt sie zurück und muss ihr Leben meistern - seelisch und ökonomisch.

          Frei von den Klischees der Exilanten

          Fariba Vafi gehört der Minderheit der fünfzehn Millionen Aseri in Iran an, und wiewohl das dem Türkischen ähnliche Aserbaidschanisch ihre Muttersprache ist, schreibt sie auf Persisch. Anders als die meisten der zeitgenössischen iranischen Autoren entstammt sie nicht der gebildeten Oberschicht, sie verfügt über keinen akademischen Abschluss, war nie im Ausland und spricht keine westlichen Fremdsprachen. Sie lebt zurückgezogen mit ihrem Ehemann und zwei Kindern in Teheran. In ihrer Heimat wurde ihr Buch zum Bestseller, ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen, darunter dem renommiertesten Literaturpreis des Landes.

          Mehr als zutreffend bemerkt der deutsch-iranische Dichter SAID in seinem Nachwort, dass der Buchmarkt im Westen gut gefüllt ist mit Titeln, die aus der Feder von Autoren stammen, denen allen, zum Teil in letzter Sekunde, die Flucht ins Exil gelungen ist. Sie erzählen von Unterdrückung, Gewalt, Folter, von Zensur und Widerstand. Hier wird sehr subtil und gegen alle Klischees vom archaischen Gottesstaat eine andere Geschichte erzählt, eine, die sicher nicht nur jene, die eine Diktatur von innen erdulden mussten, berührt.

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