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: Familienroman mit Prothesen

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Ein Gnom steht auf der ersten Seite der Fibel, die der Ich-Erzähler zum Schuleintritt bekommt. Beim Lesenlernen trifft er hier noch einmal auf den bedrohlichen Hüter aus dem Märchen, bevor er das Reich des Erzählens in Richtung Schrift verläßt. Es ist diese Schwelle von unsystematisierter Oralität ...

          Ein Gnom steht auf der ersten Seite der Fibel, die der Ich-Erzähler zum Schuleintritt bekommt. Beim Lesenlernen trifft er hier noch einmal auf den bedrohlichen Hüter aus dem Märchen, bevor er das Reich des Erzählens in Richtung Schrift verläßt. Es ist diese Schwelle von unsystematisierter Oralität und geordneter schriftlicher Überlieferung am Anfang des Lesens, an die Leo Tuor immer wieder zurückkehrt und die seine Erkundung des Verhältnisses zwischen Vor- und Nachfahren leitet.

          In seinem zweiten Buch erzählt der 1959 im schweizerischen Graubünden geborene, rätoromanisch schreibende Tuor in losen Fragmenten aus der Geschichte einer Bergfamilie. Auf deutsch zugänglich ist der Band nun in der verdienstvollen Übersetzung von Peter Egloff, die mit rätoromanischen Einsprengseln einen Weg gefunden hat, Klang und Rhythmus der Originalsprache auch in der Übertragung durchscheinen zu lassen.

          Das Herzstück des Hauses der Familie Tumera ist ein Ofen, dessen vielfach gekerbte Steinplatte von der Generationenfolge zeugt. Aber nur mit der in den Ofen eingelassenen Jahreszahl 1821 verbindet sich ein historisches Ereignis: Der Tod Napoleon Bonapartes, des Lieblingshelden des Großvaters. Auch die vergessenen Lebensläufe in der abgelegensten Bergwelt kreuzen sich so mit der Weltgeschichte. Die Lücken der Überlieferung rücken bei Tuor ins Zentrum des Interesses. Ein Eichenwald sei, "was die Deutschsprachigen Stammbaum nennen und wir stemma oder genealogia", erläutert der Großonkel. Der geordneten Ahnenreihe geht die Behauung des Unübersichtlichen voraus, ein Prozeß der Reduktion, den Tuor auch formal nachvollzieht in den kurzen, zuweilen unvermittelt abbrechenden Einzeltexten, aus denen sich das Buch zusammensetzt. Der Verlust von Körperteilen bildet dabei ein Leitmotiv. Dem Großvater fehlt ein Arm, zum Faszinosum wird er für den Ich-Erzähler aber nicht nur durch den werktags getragenen Haken und die sonntägliche Lederhand, sondern vor allem durch die dieser Versehrtheit entspringenden Geschichten von Einarmigen, von glücklichen Goldgräbern und mutig mit einer Hand weiterkämpfenden Kriegshelden, die der Großvater sammelt wie andere Briefmarken.

          Diese Sammelleidenschaft führt der Autor weiter, das Buch ist zwischen den Erzählungen von der Urgroßmutter Onna Maria Tumera, der Mutter und dem Großvater gespickt mit Berichten über Einarmige aus Chroniken und medizinischen Lehrbüchern wie aktuellen Zeitungsartikeln. Sehr präzise wird auf diese Weise den Fantasien und Geschichten nachgespürt, die sich im Schweigen zwischen den Generationen anstelle des fehlenden Wissens über die Vorfahren bilden. Dabei macht es den Reiz des schmalen Bandes aus, daß darin komprimiert ist, was für ein Werk von epischer Länge ausgereicht hätte - gewissermaßen als Torso eines Romans, in dem das Bindeglied zu den Vorfahren amputiert ist.

          Der Großvater verliert schließlich am Ende seines Lebens allmählich die eigene Sprache und redet nur noch in Zitaten, sein Sterben erscheint als langsames Übergehen des Körpers in Literatur. Am Schluß bleiben dem Enkel von den Vorfahren Totenbilder in einer Zigarrenschachtel. Die Schrift, mit der diese Totenbilder versehen sind, ist verstümmelt, das Versprechen von Systematik und Ordnung, das im Lesebuch das wuchernde Erzählen ablöste, im Angesicht der Toten wieder durchlöchert. In Tuors Familienroman wird deutlich, daß gerade diese Lücken das Weiterschreiben erfordern. Das Nichtwissen um das Leben der Vorfahren steht so am Ursprung eines Erzählens, das sich seine Toten immer aufs neue erschafft.

          ESTHER KILCHMANN

          Leo Tuor: "Onna Maria Tumera oder Die Vorfahren". Aus dem Rätoromanischen übersetzt von Peter Egloff. Limmat Verlag, Zürich 2004. 172 S., geb., 21,- [Euro].

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