https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/f-a-z-romane-der-woche-zu-weich-fuer-hertie-11115144.html

F.A.Z.-Romane der Woche : Zu weich für Hertie

  • Aktualisiert am
          4 Min.

          Als Kind ging er, wenn sein Leben ins Stottern geriet, auf den Rummelplatz. Und noch als Erwachsener tröstet es ihn, sich zwischen den Buden herumzutreiben. Die Musik und der Vergnügungslärm wirken auf den Melancholiker wie ein Antidepressivum. „Obwohl er das Gegenteil versprach“, meint der Besucher, „war der Rummelplatz in Wahrheit ein Volksdepressionsplatz“. Von dieser Erkenntnis gestärkt, verlässt er den Jahrmarkt wieder. Und ist sogar ein wenig zufrieden. Das geschieht ihm selten genug. Und damit ist er im Kosmos seines Schöpfers Wilhelm Genazino nicht allein. In seinem jüngst erschienenen Roman „Wenn wir Tiere wären“ erzählt der achtundsechzigjährige Büchnerpreisträger aufs Neue, ebenso traurig wie komisch, von einem Großstadtbewohner, der aus der Zeit gefallen scheint und dem das Talent zur reibungslosen Bewältigung des Alltags fehlt.

          Der namenlose Erzähler erscheint in seiner Existenz als komischer Kauz

          Die grundsätzliche Verlegenheit seiner Protagonisten angesichts ihrer Existenz ist seit vielen Jahren Genazinos eigentliches Thema. Und so ist auch hier der namenlose Erzähler, ein Flaneur, der sich in den Fußgängerzonen Frankfurts, in Kaufhäusern, Kantinen und Schnellrestaurants herumtreibt, in der Absurdität seines Daseins kaum zu ertragen. Doch nicht nur in der Beklemmung, die sich bei der Lektüre unvermeidlich einstellt, lässt uns dieser Experte des Scheiterns, ein Lebenskünstler der Vergeblichkeit aus dem akademischen Prekariat, kaum einmal kalt.

          Von Beruf ist er freier Architekt. Doch statt sich um Aufträge zu bemühen, sehnt sich der Einzelgänger nach Ruhe und Untätigkeit und erscheint in diesem Grundwiderspruch seiner Existenz als komischer Kauz. Die Welt, zumal die lärmende Geschäftswelt Frankfurts, hält er sich vom Leib, so gut es geht, und ist daher paradoxerweise als Freiberufler besser aufgehoben als in einem Büro mit Anwesenheitspflicht, gepeinigt von den Blicken der Kollegen und der Kontrolle der Vorgesetzten. Natürlich ist ihm auch seine Liebesbeziehung zu Maria schon zu eng, weshalb das Paar in getrennten Wohnungen lebt. Auch sonst tut sich ein Graben zwischen ihnen auf: Die Angestellte einer Werbeagentur trinkt nicht nur gern viel, sie will auch ständig etwas erleben, um es dann, wie ihr Freund böswillig unterstellt, im Büro vor den Kollegen auszubreiten. Sie bucht Ferien auf Gran Canaria (für ihn ein Albtraum), sie bestellt ihn zum Austern-schlürfen an die tatsächlich so getaufte „Mittelmeertheke“ eines Kaufhauses, wo sich Autohändler, Immobilienmakler und Versicherungsvertreter gegenseitig feiern. „Du bist zu empfindlich für das Hertie“, versucht Maria seinen Ekel zu mildern. Das Missverständnis ihrer Beziehung zeigt sich auch darin, dass Maria mit seinen Vorlieben nichts anfangen kann. Als er davon schwärmt, wie „anmutig und zugleich erschöpft vom vielen Auffliegen“ die Krallen bei Krähen während der Abflugphase nach unten hängen, Sinnbild für das ewige Sichherumschleppen aller Lebewesen, schaut sie ihn bloß mit großen Augen an.

          Genazino ist ein bewährter Mythologe des Alltags

          Weitere Themen

          Deutsch lernen in der Vorlaufklasse

          Integration : Deutsch lernen in der Vorlaufklasse

          Raunheim besitzt die größte Grundschule in Hessen – und vermutlich den höchsten Anteil im Land an Bürgern mit ausländischen Wurzeln. Daher gibt es ein besonderes Programm für Vorschüler.

          Topmeldungen

          Klimaaktivisten haben am 15. November 2022 ein Werk Gustav Klimts mit schwarzer Farbe beschmiert, einer klebte seine Hand daran fest.

          Soziale Systeme : Nützliche Radikale

          Schaden radikale Aktionen wie die der „Letzten Generation“ den Zielen einer Bewegung? Soziologen haben das untersucht und sind zu einem überraschenden Ergebnis gekommen.
          Bald wieder ohne Maske? Medizinischer Mitarbeiter in Schanghai

          Schlechte Wirtschaftsdaten : China knickt ein

          Nun brechen auch noch die Exporte unter den Lockdowns ein – panisch läutet Chinas Führung das Ende von „Null Covid“ ein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.