https://www.faz.net/-gr3-z7x1

F.A.Z.-Romane der Woche : Land, Land, Licht und Land

  • Aktualisiert am

Bild: Verlag

Wolfgang Büscher wandert zu Fuß durch die Vereinigten Staaten, V.S. Naipaul schleudert Europa einen Bannspruch entgegen und Rabindranath Tagore wird 150 Jahre alt.

          6 Min.

          Von Klaus Birnstiel

          Die Weite der Landschaft, die Sexiness amerikanischer Popkultur, Bud Light und Burger und dazu noch einmal dieses Gefühl von Freiheit und Abenteuer: Wohl kaum ein anderes Reiseziel ist so sehr besetzt von den kollektiven Sehnsüchten deutscher Nachkriegsgenerationen wie die Vereinigten Staaten, und über kein anderes Land des Westens macht sich der aufgeklärte Gemeinsinn Zentraleuropas so überheblich her wie über dieses. Leichter Spott oder blasierte Arroganz, in diesen Registern bewegt sich das Reden über Amerika nicht erst seit den finsteren Tagen von George W. Bush. Zu Amerika eine Meinung zu haben – nichts scheint einfacher aus der sicheren Halbdistanz, doch dann zieht es sie doch alle hin, alternde Familienväter als wiedergeborene Easy Rider ebenso wie zu spät gekommene Blumenkinder auf der Suche nach ein bisschen Frieden.

          Wolfgang Büscher aber entsagt dem deutschen Traum, einmal durch Amerika zu fahren, von Ost bis West, Küste zu Küste, New York bis Kalifornien. Stattdessen wählt er mit Entschiedenheit einen anderen Schnitt: von Nord nach Süd soll es gehen, zu Fuß, von der kanadischen Grenze bis zum Rio Grande, durch die endlose Weite der Prärien, lose entlang der alten Route 77, seinem „Leitseil“, wie es einmal heißt. Sein Reisebericht „Hartland“ ist ein kleines literarisches Ereignis.

          Die Polizei rechnet mit allem

          Büscher also erfährt sich Amerika nicht, er geht zu Fuß. Im Land von endlosen Highways und maximaler Zersiedelung, verwaisten Innenstädten und unüberschaubaren Vorortwüsteneien sei das, versichern ihm seine gutinformierten Freunde vor der Abreise, eine schiere Unmöglichkeit, kulturwidriges Verhalten, geradezu unamerikanisch. Der „Amerikadepp“ aber, als den sich der störrische Wanderer vor Anbruch der Reise sieht, hört nicht auf die altklugen Ratschläge, schießt die gutgemeinten Warnungen in den Wind, packt den Rucksack und schnürt seine Schuhe.

          Bei der Einreise am nördlichen Rand beginnen bereits die Schwierigkeiten, mürrische Grenzer stellen sich dem Gehenden in den Weg, halten ihn fest und befragen ihn, zerwühlen seine Sachen und nehmen seine Fingerabdrücke. Trostlos und deprimierend ist die Schilderung dieses Verhörs gleich zu Beginn des Buches, Amerika macht es einem dieser Tage nicht leicht, seine Grenzen zu übertreten. Zwar heißt der Grenzort tatsächlich Portal, irgendwo in Nord-Dakota, doch eingelassen zu werden ins Land der Freien und Frommen, damit hat auch Büscher seine Mühe. Mit allem scheint die amerikanische Grenzpolizei zu rechnen, selbst in diesem gottverlassenen Nest an der kanadischen Grenze, nur nicht mit einem, der zu Fuß geht und darüber ein Buch schreiben will, der nichts bei sich hat außer Wandersachen, Notizheften und Kartenmaterial. Lange Diskussionen entspinnen sich, Stunden vergehen, und als es endlich geschafft ist, sie ihn doch noch hereinlassen, bleibt nur der Weg ins erstbeste Motel, die nächstgelegene schäbige Bar. Ein ruppiger Auftakt zu einer Reise, die drei Monate dauern wird, die mit Wind und Regen und Kälte und brennender Sonne zu kämpfen hat, mit der Unwirtlichkeit von Autobahn-Seitenstreifen wie mit dem abwartenden Misstrauen von Bedienungen, Verkäufern und Herbergsbesitzern.

          Auf dem langen Weg nach Süden

          Büscher versucht, mit leichtem Gepäck zu marschieren, ohne den enormen Ballast ihm vorausgegangener Amerika-Literaten, Beobachter und Zergliederer: Kein Tocqueville findet sich in seinem Rucksack, keine Edward-Hopper-Gemälde spuken durch seinen Kopf, keine verwehte Mundharmonikamelodie klingt ihm in den Ohren.

          Gleich in den ersten Tagen aber stößt Büscher auf jenes Hartland, das seinem Buch den Titel gibt, eine verlassene Siedlung, wohl von Deutschen begründet, zuerst „Heartland“, Herzland, geschrieben, dann umbenannt in Hartland, deutscher Zunge gemäß. Hartland gibt es nicht mehr, in Hartland wohnt niemand mehr, und so macht sich Büscher auf den langen Weg nach Süden, durch die Great Plains, durch die windigen Staaten des Mittleren Westens, Nebraska, Kansas, Oklahoma. Immer wieder zieht es ihn ans Wasser, an den Missouri, den Mississippi, grobe Orientierungen nur in der endlosen Fläche. Büscher durchwandert die Städte der „Frontier“, jener imaginären Grenzlinie, welche die amerikanische Westwärtsbewegung zur Zeit der Siedler und Glücksjäger beschreibt.

          Trostlose Heimeligkeit und verstörende Vielfalt

          Den musealen Blick, gewöhnt an mitteleuropäisches Panorama, Dörfer, Flüsse, muss der Wanderer schon bald aufgeben. Stattdessen erscheint ihm eine naturschöne Erhabenheit, welche die Augen des Betrachters überfließen macht: „Die Sonne führte ihr Abendschauspiel auf. Wolken filterten einzelne Höhen, Hänge und Niederungen heraus und stellten andere in den Schatten. Ein Altarberg erstrahlte im Licht, unscheinbare Wasserlöcher wurden zu Silberseen, öde Hänge zu goldbraunen Matten. Und es hörte nicht auf, es ging immer so weiter. Keine Folge wechselnder Landschaften, zu Bildern gerahmt von Bergen oder von einer Flussbiegung wie in Europa, denen dann, als beträte man einen neuen Museumssaal, andere Bilder folgten. Dieses Amerika ist keine Landschaft, es ist Land, Land, Land. Licht und Land. Keine Ausstellung, nur ein einziges maßloses, sich gegen unendlich reproduzierendes Bild. Ich fuhr in eine Senke und dachte, einmal muss es doch enden, aber auf dem nächsten Kamm ging es weiter, immer fort und fort.“ Der Ton dieser Reisebilder ist es, der Büschers Buch zu einem unwiderstehlichen Sog verhilft. Das flapsige Geschnodder moderner Rucksackreiseführer auf der einen, die erdenschwere Tiefsinnigkeit reisender Studiosi auf der anderen Seite, beides vermeidet Büscher gekonnt – und findet zu einer Sprache, einer Poetik des Reisens gar, wie sie ihresgleichen sucht.

          Die Leichtigkeit des Eindrucks, die Offenheit zur Beobachtung, das macht Büschers Buch so großartig. Es ist die Fähigkeit zu staunen, mit der Büschers Reise beginnt und endet, zu staunen nicht nur über die Wunder landschaftlicher Schönheit, sondern zu staunen auch über die trostlose Heimeligkeit der Cafés und Diners, die verstörende Vielfalt bizarrer Sekten, die hier Kirchen heißen, die Knappheit der Dialoge und die zurückhaltende Herzlichkeit der Begegnung.

          Indianer ohne Anführungszeichen

          Büscher geht den Klischees nicht aus dem Weg. Auch diesem Buch drängen sich die sattsam bekannten Amerikabilder auf, doch gelingt es Büscher, sie auf Armeslänge zu halten: kein langes Gewese um die Landstreicher in der Großen Depression der dreißiger Jahre, kein Seufzer für Jack Kerouacs „On the Road“, dafür aber immer wieder hart arbeitende Männer und Frauen, Menschen in Pick-up-Trucks, in Bierbars und Saloons. Büschers transversale Ethnologie der Alltagskulturen ist dort am besten, wo sie die Beobachtung sprechen lässt, sich ganz dem Moment des Betrachtens hingibt und einfach aufschreibt, was es zu sehen gibt. „Hartland“ verzichtet fast immer auf den altklugen Gestus des europäischen Blicks, der seinen Lesern schon nach wenigen Seiten zu erklären versucht, wie dieses Land funktioniert, wie seine Menschen wirklich ticken, und warum das alles längst zum Scheitern verurteilt sein muss. Solche Ausgriffe ins große Ganze gestattet sich Büscher nur selten, und wenn, schiebt sich schnell die Logik der Landstraße vor die kritische Theorie. Ganz aber lässt sich das Deutsche in der Herkunft des Wanderers nicht wegdrängen: In eine mit Luftkriegs-Memorabilia dekorierte Kneipe mag Büscher sich nicht eingeladen fühlen, und der Aufgang der Erkenntnis, dass fast jeder, mit dem der Autor spricht auf seiner Reise, für sich und seine Familie die Existenz zahlloser deutscher Vorfahren reklamiert, wird ihm manches Mal unangenehm.

          Es gibt denn auch wohl kaum eine deutschere Art, sich eine Welt zu erschließen, als sie zu erwandern, doch auch hier macht Büscher nicht viel Aufhebens. Rucksack, Schuhe, Routenpläne: Nüchtern beschreibt er sein Reiseinventar und vermeidet dabei das hochgestimmte Pathos der Verzückung ebenso wie den kalten Blick des Kulturzynikers. Um die Spuren von Landnahme und Völkermord, Goldsuche und Überlebenskampf aber drückt sich Büscher ebenso wenig herum, im Gegenteil, er folgt ihnen mit wachem Interesse. „Indianer“ ist eine Bezeichnung, die der Reisende ohne Anführungszeichen verwendet, und Amerikas Ureinwohner begegnen ihm tatsächlich an jeder Ecke. Ihre halbblütigen Nachfahren leben in den einsamen Bars und Spielhöllen der Reservate, sie schlagen sich durch als Landarbeiter oder Mechaniker, sie hausen in Trailerparks oder schlicht in ihren Autos, sie erzählen Geschichten von Wounded Knee und Sitting Bull und widmen sich dann wieder wortlos ihrem schalen Drink.

          Die Güte der Momente

          Tagsüber Straßen und mehr Straßen, Himmel, Weite, Wind, abends ein Cheeseburger und ein mittelmäßiges Bier: Die Routinen der Reise bestimmen Büschers Bilder, und gerade darum sind sie so eindringlich, weil sie auf jedes Moralisieren verzichten, jede Erklärung und jedes vorschnelle Urteil. Dabei überdehnt der Wanderer aber auch nicht den morbiden Charme der endlosen Vorstädte, der existentiellen Notlagen, der schütteren Lebensläufe und Begegnungen. Der Zufußgeher Büscher ist kein Purist der reinen Lehre, und ohne Autos geht es von Zeit zu Zeit nun einmal nicht, weder durch die Prärien noch durch die texanischen Halbwüsten.

          Und so ist es denn auch die selbstverständliche Bereitschaft, den Wanderer ein Stück mitzunehmen im Auto, die mit dem deutschen Wort von der Hilfsbereitschaft kaum zu fassen ist: Immer wieder hält irgendein Jim oder John oder Mike am Straßenrand an und liest den im Regen zerfrorenen Reisenden auf, bringt ihn ins nächste Kaff, verabschiedet sich mit einem lakonischen Handschlag und zieht weiter. Man spürt die Dankbarkeit für diese fraglose Freundschaft, die der Autor erlebt, und ist bewegt von der Unkompliziertheit, ja Güte dieser Momente.

          Amerika im Blick, Europa im Herzen

          „Heartland, das Herz. Hartland, der Schmerz. Die beiden Enden der amerkanischen Parabel.“ Auf diese Formel bringt Büscher seine Reise. Hartland, Herzland: Seit „Berlin – Moskau“, dem Bericht seines Fußmarschs durch Deutschlands und Europas Osten, entlang den Routen Napoleons und Hitlers, wissen wir, dass Wolfgang Büscher literarisch reist wie kein anderer. Es ist ihm noch einmal gelungen, im Westen diesmal, der Sonne entgegen, Amerika im Blick, Europa im Herzen.

          Weitere Themen

          Geschichten am Strom

          Bücher über den Rhein : Geschichten am Strom

          Von den Quellen bis zur Mündung: Zwei Autoren gehen dem Rhein auf den Grund und finden viel mehr als Romantik. Lebendige Naturbetrachtungen und spannende Reisen in die Vergangenheit bieten allerlei Inspirationen für die nächste Reise.

          Topmeldungen

          Nach dem schlechten 2020 steigen die Dividenden-Ausschüttungen dieses Jahr auf Rekordhöhen.

          Ausschüttungen : Die Rückkehr der Dividenden

          2020 war ein schlimmes Jahr für alle Freunde von Dividenden. 2021 ist alles anders: Die Ausschüttungen steigen auf einen Rekordwert. Doch ein Blick auf die Dividendenrendite reicht meistens nicht aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.