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F.A.Z.-Romane der Woche : Land, Land, Licht und Land

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Bild: Verlag

Wolfgang Büscher wandert zu Fuß durch die Vereinigten Staaten, V.S. Naipaul schleudert Europa einen Bannspruch entgegen und Rabindranath Tagore wird 150 Jahre alt.

          Von Klaus Birnstiel

          Die Weite der Landschaft, die Sexiness amerikanischer Popkultur, Bud Light und Burger und dazu noch einmal dieses Gefühl von Freiheit und Abenteuer: Wohl kaum ein anderes Reiseziel ist so sehr besetzt von den kollektiven Sehnsüchten deutscher Nachkriegsgenerationen wie die Vereinigten Staaten, und über kein anderes Land des Westens macht sich der aufgeklärte Gemeinsinn Zentraleuropas so überheblich her wie über dieses. Leichter Spott oder blasierte Arroganz, in diesen Registern bewegt sich das Reden über Amerika nicht erst seit den finsteren Tagen von George W. Bush. Zu Amerika eine Meinung zu haben – nichts scheint einfacher aus der sicheren Halbdistanz, doch dann zieht es sie doch alle hin, alternde Familienväter als wiedergeborene Easy Rider ebenso wie zu spät gekommene Blumenkinder auf der Suche nach ein bisschen Frieden.

          Wolfgang Büscher aber entsagt dem deutschen Traum, einmal durch Amerika zu fahren, von Ost bis West, Küste zu Küste, New York bis Kalifornien. Stattdessen wählt er mit Entschiedenheit einen anderen Schnitt: von Nord nach Süd soll es gehen, zu Fuß, von der kanadischen Grenze bis zum Rio Grande, durch die endlose Weite der Prärien, lose entlang der alten Route 77, seinem „Leitseil“, wie es einmal heißt. Sein Reisebericht „Hartland“ ist ein kleines literarisches Ereignis.

          Die Polizei rechnet mit allem

          Büscher also erfährt sich Amerika nicht, er geht zu Fuß. Im Land von endlosen Highways und maximaler Zersiedelung, verwaisten Innenstädten und unüberschaubaren Vorortwüsteneien sei das, versichern ihm seine gutinformierten Freunde vor der Abreise, eine schiere Unmöglichkeit, kulturwidriges Verhalten, geradezu unamerikanisch. Der „Amerikadepp“ aber, als den sich der störrische Wanderer vor Anbruch der Reise sieht, hört nicht auf die altklugen Ratschläge, schießt die gutgemeinten Warnungen in den Wind, packt den Rucksack und schnürt seine Schuhe.

          Bei der Einreise am nördlichen Rand beginnen bereits die Schwierigkeiten, mürrische Grenzer stellen sich dem Gehenden in den Weg, halten ihn fest und befragen ihn, zerwühlen seine Sachen und nehmen seine Fingerabdrücke. Trostlos und deprimierend ist die Schilderung dieses Verhörs gleich zu Beginn des Buches, Amerika macht es einem dieser Tage nicht leicht, seine Grenzen zu übertreten. Zwar heißt der Grenzort tatsächlich Portal, irgendwo in Nord-Dakota, doch eingelassen zu werden ins Land der Freien und Frommen, damit hat auch Büscher seine Mühe. Mit allem scheint die amerikanische Grenzpolizei zu rechnen, selbst in diesem gottverlassenen Nest an der kanadischen Grenze, nur nicht mit einem, der zu Fuß geht und darüber ein Buch schreiben will, der nichts bei sich hat außer Wandersachen, Notizheften und Kartenmaterial. Lange Diskussionen entspinnen sich, Stunden vergehen, und als es endlich geschafft ist, sie ihn doch noch hereinlassen, bleibt nur der Weg ins erstbeste Motel, die nächstgelegene schäbige Bar. Ein ruppiger Auftakt zu einer Reise, die drei Monate dauern wird, die mit Wind und Regen und Kälte und brennender Sonne zu kämpfen hat, mit der Unwirtlichkeit von Autobahn-Seitenstreifen wie mit dem abwartenden Misstrauen von Bedienungen, Verkäufern und Herbergsbesitzern.

          Auf dem langen Weg nach Süden

          Büscher versucht, mit leichtem Gepäck zu marschieren, ohne den enormen Ballast ihm vorausgegangener Amerika-Literaten, Beobachter und Zergliederer: Kein Tocqueville findet sich in seinem Rucksack, keine Edward-Hopper-Gemälde spuken durch seinen Kopf, keine verwehte Mundharmonikamelodie klingt ihm in den Ohren.

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