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F.A.Z.-Romane der Woche : Jungs im kleinen, exklusiven Kreis

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Bild: Verlag

Nach fünfzehn Jahren Arbeit ist nun das Handbuch „Stefan George und sein Kreis“ erschienen: Es hält die Balance zwischen dem Kult, der um den Dichter getrieben wurde, und seinem Werk.

          5 Min.

          Einige der Größten waren zu ihrem hundertsten Geburtstag mausetot. Friedrich Hölderlin zum Beispiel, dessen Namen man 1870 buchstabieren musste, oder Jean Paul, den Nietzsche „ein Verhängnis im Schlafrock“ nannte. Als bald nach der Jahrhundertwende beider Wiederentdeckung anstand, war dies im Wesentlichen das Verdienst eines Mannes, der zu seiner eigenen Hundertjahrfeier ebenfalls weitgehend der Vergessenheit anheimfallen sollte.

          Obwohl ihn das Schiller-Nationalmuseum Marbach mit einer umfassenden Ausstellung würdigte und die Universität Köln ein internationales Kolloquium für ihn ausrichtete, war Stefan George 1968, wie es einer der Referenten formulierte, „am Nullpunkt der Öffentlichkeit“ angelangt.

          Das lag nicht nur an der Gemeinde. Die Jünger, die vom Meister selbst noch auserwählten ebenso wie die selbsternannten, hatten zwar alles getan, ihn für sich zu behalten und den Zutritt zu reglementieren. Der beißende Qualm des hagiographischen Räucherwerks schreckte zweifellos viele ab. Dass das Publikum einen Bogen um George machte, hing aber vor allem mit dem demokratischen Selbstfindungsprozess der Bundesrepublik zusammen.

          Vom völkischen Banner und heiligen Krieg

          Für ein Werk, in dem viel von Herrschaft und Dienst, von Jüngertum, Zucht und Sendung die Rede war, gab es in den Jahren, da die Deutschen endlich Anschluss an die westliche Wertewelt gefunden zu haben glaubten, keine Verwendung. George war schlicht nicht kompatibel - und den meisten einfach zu deutsch.

          Als der Geist von 1968 Einzug an den Universitäten hielt, hätte er sich, auf den Spuren seiner Heroen Benjamin und Adorno, durchaus in ein kritisch produktives Verhältnis zu George setzen können. Für Differenzierungen blieb jedoch wenig Zeit, und so wurde Georges Werk, das in Reinkultur vieles von dem enthielt, was der sich jetzt etablierenden neuen deutschen Gesellschaftslehre als Ungeist schlechthin galt, zu einer Art Zirkusnummer, bei der die Probanden in erster Linie ihre gesinnungsethische Reife unter Beweis zu stellen hatten. Die Zahl der George-Dissertationen stieg sprunghaft, und es gab nicht wenige darunter, die Originalverse schon mal nach der Sekundärliteratur zitierten - promoviert wurde man trotzdem.

          Als Teil der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ihrer Väter, auf der Suche nach Antworten auf die Frage, wie es zu Hitler hat kommen können, war die Beschäftigung mit George aus der Sicht der Achtundsechziger-Generation nur konsequent.

          Es waren nicht nur seine wie in Erz gehämmerten Verse vom „völkischen Banner“ und vom „heiligen Krieg“, Verdacht erregte nicht minder Georges demonstrative Abkehr von allem, was auf Gleichheit zielte. Als die Phase der antifaschistischen Selbstvergewisserung an den Universitäten Ende der siebziger Jahre allmählich verebbte, verschwand George auch akademisch in der Versenkung.

          Diskrepanz zwischen Autor und Werk

          Vor fünfzehn Jahren begann dann mit den Arbeiten von Wolfgang Braungart, Cornelia Groppe und Rainer Kolk jene Renaissance der George-Philologie, deren Ergebnisse jetzt die Grundlage des Handbuchs bilden. Die drei großformatigen Leinenbände mit insgesamt 1868 Seiten (1868 ist Georges Geburtsjahr!) wiegen mehr als dreieinhalb Kilo, ein Gewicht, das nur noch die fünf Bände des Brecht-Handbuchs auf die Waage bringen.

          Rilke und Kafka blieben unter 600Seiten, das für Dezember angekündigte Celan-Handbuch muss sich mit voraussichtlich 440 Seiten begnügen, und Benn schaffte es bis heute nicht zu einem eigenen Lexikon. Stellt sich natürlich sofort die Frage: Sind Handbücher nicht auch schöne Grabplatten, je dicker, desto endgültiger?

          Die Beschäftigung mit Stefan George ist seit Jahr und Tag gekennzeichnet durch die „Diskrepanz zwischen der Präsens der Person und der Präsentation des Werks“. Wer sich für die Gedichte begeisterte, hatte (angeblich) nur wenig übrig für den Kult, der um den Dichter getrieben wurde, während derjenige, der George vornehmlich als Exponent germanischer Hypotrophie im zwanzigsten Jahrhundert begriff, gern übersah, dass die Wirkung, die von ihm ausging, zunächst eine rein künstlerische war. Zwischen diesen beiden Polen das Gleichgewicht zu halten, war zweifellos die größte Herausforderung, der sich die Herausgeber des Handbuchs stellen mussten, und sie haben sie in vorbildlicher Weise gelöst.

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