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F.A.Z.-Romane der Woche : Jede versäumte Gelegenheit ist ein kleiner Tod

Bild: Verlag

Anfang und Ende der Schöpfung liegen in Ostgrönland: Der wunderbare Roman „Anatomie einer Nacht“ von Anna Kim.

          4 Min.

          Wie der Tod in die Welt kam, erzählen die grönländischen Inuit so: Zuerst war da nur die Nacht, schwarz und still. Dann fielen die Berge, Flüsse und Steine vom Himmel. Und „schließlich krochen aus dem Erdinneren Menschen, die anfangs weder gehen noch sprechen konnten, nur essen und um sich treten, und die nicht wussten, wie man starb, denn damals, in diesen fernen Nächten, gab es keinen Tod.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Weil es aber auch keinen Tag gibt, der die lange Nacht unterbricht, und weil man ihnen offenbar die Wahl lässt, entscheiden sich die Menschen für einen sonderbaren Pakt: Von nun an sind sie sterblich, dafür lässt sich tagsüber die Sonne blicken. Allerdings will auch das Sterben gelernt sein: Die Toten der ersten Stunde „steckten ihre Köpfe aus den Steingräbern, den Steinhaufen, die man über ihnen aufgeschichtet hatte, im Versuch, sich aufzurichten und wegzugehen, und sie mussten in ihre Gräber zurückgestoßen und mit Worten gebannt werden, mit Magie“.

          So erzählt es Anna Kim in ihrem Roman „Anatomie einer Nacht“, der in diesem Herbst erschienen ist, und das Nebeneinander von Tod und Leben, das in der arktischen Schöpfungsgeschichte so verstörend ist, verleiht auch Kims Roman seine eigentümliche Farbe.

          Selbstmord in Amarâq

          Die erzählte Zeit sind wenige Stunden in der Nacht vom 31. August auf den 1. September 2008, als in der fiktiven ostgrönländischen Siedlung Amarâq elf Menschen durch eigene Hand zu Tode kommen und ein zwölfter ihnen wahrscheinlich folgen wird. Dies aber, erzählt im Präsens, wird durch die im Präteritum gehaltenen Einschübe erst motiviert, in denen der Hintergrund ihres Beziehungsgeflechts geschildert wird.

          Aus dem Nacheinander wird so ein Nebeneinander, und wenn etwa im ersten Kapitel der Polizist Jens Petersen in der ebenso heruntergekommenen wie überfüllten Disko die Museumswärterin Sivke Carlsen abschleppt, schneidet die Autorin dies mit parallelen Szenen aus der jüngsten Vergangenheit, in denen Petersen der Schülerin Julie Hansen auf dieselbe Weise näherkam - ein zunächst irritierendes Verfahren, das auf den zweiten Blick vollständig einleuchtet und auf den dritten den Roman bei aller Tragik zu einem faszinierenden Ereignis macht.

          Die Wiener Autorin Anna Kim, geboren 1977 in Südkorea, kam als Zweijährige mit ihrer Familie nach Deutschland und 1984 nach Österreich. Den ersten Ertrag eines Grönland-Aufenthalts publizierte sie im vergangenen Jahr als Essay unter dem Titel „Invasionen des Privaten“. Ihre Romanfigur Ella, eine deutsche Journalistin, die in Amarâq die Ursache der dort häufigen Selbstmorde ergründen will, mag ein ferner Nachhall der recherchierenden Autorin sein. Es ist eine bittere Pointe in „Anatomie einer Nacht“, dass jene Ella trotz einer langen Anwesenheit vor Ort eher wenig von dem untergründigen Beben der Siedlung mitbekommt, aber unwissentlich zum Katalysator eines dieser Selbstmorde wird.

          Die Mentalität eines Jägers

          Wo Ella blind bleibt, schaut der Erzähler hin und deckt auf, in seinem eigenen Tempo und seiner eigenen Choreographie, die nichts Voyeuristisches hat, sondern das Unerklärbare mit entsetzlich ruhiger Hand darstellt. Natürlich hätten der Blick auf die 1500-Einwohner-Gemeinde, für grönländische Verhältnisse geradezu eine Metropole, und die Suizide jener Nacht zum wüsten Sammelsurium geraten können, zum Zettelkasten mit allem, was sich über die Kombination der Suchbegriffe „Grönland“ und „Selbstmord“ zusammentragen lässt - Armut, Alkohol, Isolation, Kulturverlust -, um so eine Kausalität zu behaupten, die alles andere ausblendet.

          Denn natürlich ist das Buch auch eine Geschichte von einer Gesellschaft im Übergang, von Jägern, die aus den Dörfern in die Städte ziehen und ihr früheres Leben zurücklassen, die Fell gegen Plastiktüten tauschen und in frisch renovierte Häuser ziehen, die schon bald wieder verfallen. Doch weil es in „Anatomie einer Nacht“ bei aller Verwobenheit der Lebensläufe immer auch um den Einzelfall geht, ist es mit Schlagwörtern nicht getan, und alle Erklärungen, die aufs große Ganze zielen, erweisen sich als defizitär.

          “Warum gibt es so viele Selbstmorde“, fragt Ella einmal an der Bar einen gewissen Peder, der sich rühmt, „Fremdenverkehrsminister Ostgrönlands“ zu sein. „Die Mentalität“, antwortet Peder. „Die Grönländer leben zu sehr in der Gegenwart, und wenn die beschissen ist . . . Die Selbstmorde sind immer spontan, die Grönländer haben einfach nicht die Fähigkeit, ihr Unglück zu kontrollieren.“ Ob er selbst an seine Worte glaubt, bleibt ungewiss, vielleicht will er es der Fremden einreden oder sich selbst. Das Buch aber widerlegt ihn kraftvoll, jedenfalls wenn es den Hintergrund der Figuren aufdeckt, die - auf den ersten Blick tatsächlich oft unvermittelt - Hand an sich legen.

          Ein kleiner Tod

          Es sind junge Menschen und alte, Menschen, die materielle Not leiden, die sexuell missbraucht worden sind, die keinen haben, mit dem sie reden könnten oder die umgekehrt anderen nur zu nahe sind. Sie sterben, weil sie Liebeskummer haben, weil sie unter dem Gefühl ihrer Schuld zerbrechen, weil sie jemanden im Stich gelassen haben oder im Stich gelassen worden sind. Am bittersten ist das, wenn sie eigentlich am Leben bleiben wollen und der Hilferuf vom Adressaten nicht verstanden wird. Und wenn sie den Geräuschen in ihrem Kopf nicht mehr entkommen können, „den leisen Rufen, den Echos, dem Kratzen an den Wänden, dem dumpfen Knacksen über den Ohren, mit einem Wort, den Toten“.

          Denn die sind hier so präsent wie andernorts kaum vorstellbar. Schon die Lebendigen können ihre Seelen zeitweilig verlieren, und die der Toten ziehen in neue Körper ein, stiften dort Unfrieden oder stören diejenigen, die sich während einer der vielen Hungersnöte an ihren Körpern vergriffen haben.

          Was dabei aus der Liebe wird, wenn sich zwei auf diese Weise Versehrte finden, kann man sich denken, und wenn in diesem Buch dann doch einmal zwei aufeinander zulaufen, mit offenen Armen und bereitwilligen Herzen, dann macht sich oft genug der eine davon. Wer zusammenbleibt, verstummt, träumt sich davon oder wird schuldig am anderen - „jede versäumte Gelegenheit, sagt man in Amarâq, ist ein kleiner Tod“.

          Wo aber die Grenze zwischen Tod und Leben durchlässig erscheint, wo man die Toten hört, da muss man sie bannen. Mit Worten, wie es im Schöpfungsmythos der Inuit heißt und wie es der Erzähler dieses Romans versucht.

          Alle Geschichten, berichtet er aus der weiten Landschaft Amararâqs, enden hier. Und formen miteinander einen großen Roman.

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