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F.A.Z.-Romane der Woche : Jede versäumte Gelegenheit ist ein kleiner Tod

Denn natürlich ist das Buch auch eine Geschichte von einer Gesellschaft im Übergang, von Jägern, die aus den Dörfern in die Städte ziehen und ihr früheres Leben zurücklassen, die Fell gegen Plastiktüten tauschen und in frisch renovierte Häuser ziehen, die schon bald wieder verfallen. Doch weil es in „Anatomie einer Nacht“ bei aller Verwobenheit der Lebensläufe immer auch um den Einzelfall geht, ist es mit Schlagwörtern nicht getan, und alle Erklärungen, die aufs große Ganze zielen, erweisen sich als defizitär.

“Warum gibt es so viele Selbstmorde“, fragt Ella einmal an der Bar einen gewissen Peder, der sich rühmt, „Fremdenverkehrsminister Ostgrönlands“ zu sein. „Die Mentalität“, antwortet Peder. „Die Grönländer leben zu sehr in der Gegenwart, und wenn die beschissen ist . . . Die Selbstmorde sind immer spontan, die Grönländer haben einfach nicht die Fähigkeit, ihr Unglück zu kontrollieren.“ Ob er selbst an seine Worte glaubt, bleibt ungewiss, vielleicht will er es der Fremden einreden oder sich selbst. Das Buch aber widerlegt ihn kraftvoll, jedenfalls wenn es den Hintergrund der Figuren aufdeckt, die - auf den ersten Blick tatsächlich oft unvermittelt - Hand an sich legen.

Ein kleiner Tod

Es sind junge Menschen und alte, Menschen, die materielle Not leiden, die sexuell missbraucht worden sind, die keinen haben, mit dem sie reden könnten oder die umgekehrt anderen nur zu nahe sind. Sie sterben, weil sie Liebeskummer haben, weil sie unter dem Gefühl ihrer Schuld zerbrechen, weil sie jemanden im Stich gelassen haben oder im Stich gelassen worden sind. Am bittersten ist das, wenn sie eigentlich am Leben bleiben wollen und der Hilferuf vom Adressaten nicht verstanden wird. Und wenn sie den Geräuschen in ihrem Kopf nicht mehr entkommen können, „den leisen Rufen, den Echos, dem Kratzen an den Wänden, dem dumpfen Knacksen über den Ohren, mit einem Wort, den Toten“.

Denn die sind hier so präsent wie andernorts kaum vorstellbar. Schon die Lebendigen können ihre Seelen zeitweilig verlieren, und die der Toten ziehen in neue Körper ein, stiften dort Unfrieden oder stören diejenigen, die sich während einer der vielen Hungersnöte an ihren Körpern vergriffen haben.

Was dabei aus der Liebe wird, wenn sich zwei auf diese Weise Versehrte finden, kann man sich denken, und wenn in diesem Buch dann doch einmal zwei aufeinander zulaufen, mit offenen Armen und bereitwilligen Herzen, dann macht sich oft genug der eine davon. Wer zusammenbleibt, verstummt, träumt sich davon oder wird schuldig am anderen - „jede versäumte Gelegenheit, sagt man in Amarâq, ist ein kleiner Tod“.

Wo aber die Grenze zwischen Tod und Leben durchlässig erscheint, wo man die Toten hört, da muss man sie bannen. Mit Worten, wie es im Schöpfungsmythos der Inuit heißt und wie es der Erzähler dieses Romans versucht.

Alle Geschichten, berichtet er aus der weiten Landschaft Amararâqs, enden hier. Und formen miteinander einen großen Roman.

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