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F.A.Z.-Romane der Woche : Ein Zwilling stirbt selten allein

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Bild: Verlag

Viel Material, viel Konstruktion: Der Roman „Nicht ganz schlechte Menschen“ von Helmut Krausser.

          3 Min.

          Wenn ein Roman mit der Information anhebt, dass ein Zwillingspaar am 1. August 1914 - dem Tag der deutschen Mobilmachung - gezeugt worden sei, dann kann kaum Zweifel daran bestehen, dass es sich um zwei symbolisch und historisch aufgeladene Figurenschicksale handelt, die man im Folgenden zu begleiten haben wird. Mit dem geschichtsträchtigen Zeugungsdatum ist es in dem neuen Roman von Helmut Krausser aber noch nicht genug.

          Am Ende der beinahe sechshundert Seiten, die „Nicht ganz schlechte Menschen“ umfasst, sterben die Zwillinge Karl und Max Loewe in derselben Sekunde, als auf der Pariser Pferderennbahn Longchamp eine Zuschauertribüne einstürzt. Beerdigt werden die Brüder am 1. September 1939.

          Damit eine solche erzählerische Konstruktion, die ihr Geschehen zwischen den zwei Weltkriegen aufhängt, nicht ähnlich ins Wanken gerät wie die Tribüne bei jenem fiktiven Rennbahnunglück, bedarf es nicht nur einer anständigen und passgenauen Verschraubung. Es bedarf zudem eines massiven Fundaments, oder nennen wir es schlicht einen hinreichenden Grund dafür, die Einbettung des Erzählten derart aufzuladen.

          Auf den ersten Seiten von „Nicht ganz schlechte Menschen“ hat es den Anschein, als wolle Krausser eine Art Lehrstück erzählen, in dem die charakterlich so verschiedenen Zwillinge Karl und Max zu symptomatischen Vertretern der beiden großen Ideologien werden: Auf der einen Seite der hagere, bisexuelle Bohemien Max - an ein „Schiele-Motiv“ erinnernd, so Krausser -, der zunächst für den aufkommenden Nationalsozialismus empfänglich ist, sich dann aber dem homoerotischen Nachtleben rund um den Berliner Nollendorfplatz, der wesentlich älteren Prostituierten Ellie und ersten verhaltenen Romanversuchen verschreibt. Auf der anderen Seite Karl, der körperlich kompakte und weitgehend abstinente Zwilling, der Quartier im Arbeiterviertel Wedding bezieht, wo er sich, da er sich für den Kommunismus begeistert, zugehörig glaubt.

          Die Stadt, die alle Begierden bedient

          Je weiter aber der Roman voranschreitet, desto mehr schwindet der Eindruck, dass hier historische Verläufe in Figurenschicksalen gespiegelt und an ihnen erklärt werden sollen. Stattdessen scheint es, als habe Krausser sich kopfüber in die Fülle des Materials gestürzt, bedauerlicherweise ohne einen überzeugenden inhaltlichen oder sprachlichen Zugang zu diesem zu finden. Schon in den Episoden aus Berlin - über die verruchten und schillernden „Goldenen Zwanziger“ - werden sämtliche Klischees ebenso unbedarft wie ungebrochen herbeizitiert.

          „In Berlin konnte jeder nach seiner Façon glücklich werden“, heißt es bei Krausser in bester Kolportagemanier. „Was es an Begierden gab, wurde bedient.“ Hier kommt auch die halbe Berliner Künstlerszene auf eine Stippvisite vorbei. Alfred Döblin weigert sich in seiner Signierstunde, dem Jungautor Max altväterliche Ratschläge zu geben. Auch Gottfried Benn zeigt sich in der Sprechstunde seiner Hautarztpraxis einigermaßen wortkarg.

          Das alles mag als Parodie gedacht sein. Heikel aber wird es dann, wenn nicht mehr mit letzter Sicherheit zu entscheiden ist, wo Absicht vorliegt und wo unfreiwillig Komik unterläuft und wo darüber hinaus die vermeintlich mit leichter Hand hingebaute historische Kulisse in Wahrheit aus Pappmaché besteht. Dass Gustaf Gründgens seit 1924 das „f“ im Vornamen führte, bei Krausser aber Anfang der dreißiger Jahre noch mit „v“ auftaucht, mag man in diesem Zusammenhang als - womöglich bewussten - Lapsus abtun.

          Fiktion vor realem Hintergrund

          Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten flüchten Karl und Max mit dessen Geliebter Ellie nach Paris. Während Karl zwischenzeitlich (wenn auch in letzter Konsequenz einigermaßen zögerlich in der zweiten Reihe) im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco kämpft, tauschen Ellie und Max durch einen ausgebufften Trick ihr provisorisches Leben im Souterrain gegen eine noble Existenz im Hotel: Ellie hat eine Affäre mit dem Besitzer und macht ihm weis, Max sei nur ihr Halbbruder.

          Krausser hat als Szenerie somit einen weiteren symptomatischen Ort der dreißiger Jahre zur Verfügung, nicht erst seit Vicki Baum eine ideale Möglichkeit, heterogenes Personal an einem Schauplatz zusammenzubringen und in kleine und größere Verwicklungen geraten zu lassen.

          So treffen sich hier bald nicht nur Ellie und ihr hintergangener Liebhaber, die Zwillinge, ein anarchistischer Veteran aus dem Spanien-Krieg und allerlei Halbweltfiguren. Auch die historische Figur Herschel Grynszpan taucht dort auf, ebenso wie der deutsche Diplomat Ernst Eduard vom Rath, den der siebzehn Jahre alte Grynszpan 1938 erschoss, was die Nationalsozialisten zur propagandistischen Rechtfertigung für die Reichspogromnacht nutzten.

          Diese realen historischen Grausamkeiten finden bei Krausser aber allenfalls im Hintergrund statt. Das mag seinen Grund darin haben, dass sie hinlänglich bekannt sind. Wenn es aber beispielsweise über den Rezeptionisten des Hotels heißt: „Von Hitlers Beispiel inspiriert, verlangte Chapelle eine neue Gehaltserhöhung. Das war angesichts seiner Arbeitsverweigerung der Gipfel der Dreistigkeit“, dann zeugt das zudem von einem eigenartigen Humor. Zumal auch nie ganz klar ist, wessen Humor das sein soll. Immer wieder weiß man in diesem Roman nicht, wer eigentlich gerade spricht. Das gilt auch für die eingeschobenen, kursiv gestellten Passagen, in denen historisches Geschehen gerafft, aber dennoch nicht aufs Faktische reduziert, referiert wird. Zeitungmeldungen sind es nicht, Passagen aus einem Geschichtsbuch ebenso wenig.

          In der Nachbemerkung, in der Krausser verrät, dass er einige Gestalten seines Personals getroffen und nicht zuletzt wohl dadurch zu seinem Roman inspiriert worden ist, weist der Autor auch - wie durchaus üblich - auf die Abweichungen von der historischen Realität und die Zugaben seiner literarischen Phantasie hin, der alle Details entstammten. Und auf die Details, so Krausser, komme letzten Endes alles an. Dem können wir nur zustimmen.

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