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F.A.Z.-Romane der Woche : Das schwierige Schlussmachen mit Bruce Willis

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Ein wunderbar seltsamer Lebensberater: Tilman Rammstedt demonstriert aufs Neue die Allmacht der Phantasie und offenbart sich bei aller literarischen Spielerei als großer Melancholiker.

          3 Min.

          Dies ist nach Martin Walsers Buch „Das dreizehnte Kapitel“ nun schon der zweite Briefroman des Herbstes - doch damit endet wohl auch schon alle Gemeinsamkeit beider Werke. Hier zumindest schreibt der Erzähler nicht an eine verheiratete Theologin, sondern an den alten Haudegen Bruce Willis. Und der lässt sich im Gegensatz zu Walsers umgarnter Dame nicht auf das Wagnis des Briefs ein: Der Kerl antwortet einfach nicht, sosehr er auch bedrängt wird.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          “Sehr geehrter Herr Willis, geht es Ihnen gut?“ - Mit dieser so einfachen wie seltsamen Ausgangsfrage beginnt Tilman Rammstedts vielerseits gespannt erwarteter Nachfolger seines Erfolgsbuchs „Der Kaiser von China“, mit dessen Grundidee er 2008 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann und welches, das kann man so klar sagen, die humoristische Metafiktion in deutscher Sprache auf ein vorher nicht gekanntes Niveau gehoben hat.

          Hier nun tritt der Erzähler sogar scheinbar offen mit dem Namen Tilman Rammstedt hervor - und sein neues Werk, das den Titel „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ trägt, ist mit Beginn des Textes zwischen den Buchdeckeln noch gar nicht fertig, sondern entsteht erst in dessen Verlauf in der Vorstellung des Lesers. Diese Form der Metaerzählung, die einen Roman als seinen eigenen Entstehungsprozess beschreibt, ist zwar nicht neu - aber wie Rammstedt sie von neuem füllt, ist überaus schlau, häufig überraschend und manchmal zum Wegwerfen komisch.

          Die Magie des Briefe-Schreibens

          Das Prinzip besteht darin, dass der als Briefeschreiber nimmermüde Schriftsteller von Bruce Willis, den er um einen Gastauftritt als Romanfigur bittet, zwar nie eine Antwort bekommt, gerade dadurch aber zu den verrücktesten Volten der Phantasie angeregt wird und es einfach immer wieder bei dem penetrant schweigenden Adressaten versucht: ihn freundlich umgarnt, ihn wütend anklagt, mehrere Ultimaten stellt, die alle ablaufen, einmal sogar regelrecht mit ihm „Schluss macht“ - und dann doch wieder reumütig die nächsten Briefe schreibt, in denen die Romanhandlung mit Willis einfach imaginiert wird.

          So zeigt das Buch, wenn auch ironisch, eine Form der künstlerischen Sublimierung, die zu größter Kreativität führt und die trotz der konkreten Wendung an den unerreichbaren Hollywoodstar doch ganz allgemeine Einsichten über misslingende Kommunikation, Verletzlichkeit und sogar Liebe preisgibt. Insofern ist Rammstedt also vielleicht doch gar nicht ganz so weit weg von Walser, wie man meinen könnte.

          Der zweite Kniff des Buches besteht darin, dass die Willis-Briefe sich mit kurzen Einschüben abwechseln, in denen der Erzähler von Begegnungen mit seinem „ehemaligen Bankberater“ berichtet - einem sehr sonderbaren Vertreter dieser Berufsgruppe, wie man bald feststellt: Der vergleicht einen Bausparvertrag mit einem Regenwurm und eine Privatrente mit einer Ameisenstraße.

          „Keine Zeit für solche Spielchen“

          Soll mit dieser Figur etwa der heutige homo oeconomicus denunziert, der Menschenschlag der Banker entlarvt werden? Nein, solche Aktualitäts-Prosa zur Krise läge Rammstedt wohl fern. Die Bankberaterszenen haben zwar oft zunächst etwas der grotesken Realität Abgeschautes im Stil von Helge Schneider (am Ende eines Gesprächs etwa füllt der Berater den nicht ausgetrunkenen Kaffee des Beratenen sorgsam in einen Plastikbecher um, den er mit der Aufschrift „To go“ versieht). Dann aber kippen sie gefährlich um und werden zu regelrecht philosophischen Aphorismen: „Pfützen sind die Ozeane des kleinen Mannes“, sagt der Bankberater einmal bei einer Betrachtung im Park. Darauf tritt er einen Schritt zurück und fügt hinzu: „des sehr kleinen Mannes“.

          Die beiden auf den ersten Blick unvereinbaren Erzählstränge führt Rammstedt dann so geschickt zusammen, dass selbst in dieser offensichtlich spielerischen Fiktion doch noch Spannung entsteht. An deren Höhepunkt fragt der verzweifelt um seine Geschichte ringende Schriftsteller dann zum Beispiel seinen Verleger in einem Bittbrief, ob es in dessen Programm „zufällig irgendein Buch gibt, in dem beschrieben wird, wie man in ein Gefängnis einbricht“ -, und ob er ihm dies in den nächsten siebzehn Stunden zukommen lassen könnte. Der immer wieder erwähnte Zeitdruck des Schriftstellers ist wohl auch eine Anspielung auf die vor vier Jahren gern kolportierten Schwierigkeiten Rammstedts, aus dem Bachmann-Text rechtzeitig zur Herbstsaison ein ganzes Buch zu machen.

          Ist das also alles nur Spielerei, womöglich gar der Abgesang auf jegliche ernsthafte Gegenwartsliteratur in Form ihrer hohnlachenden Verachtung? Wiederum nein, denn hinter diesem Spiel scheint in aller Ernsthaftigkeit eine tiefe Melancholie durch, die trotz der Abstraktion der Figuren sehr viel beschädigtes Leben offenbart. Der Erzähler bekennt einmal beiläufig, dass er „nicht besonders viel im Griff“ habe, „in keiner der Welten, mit denen ich zu tun habe“.

          Und da gibt es jene schöne Stelle, an der er sich in seiner Not schließlich auch an seinen Therapeuten wendet: „In unseren Sitzungen haben Sie immer so wissend genickt und mich dann wieder nur gefragt, warum ich meiner Meinung nach so handele, wie ich eben handele. Warum ich zum Beispiel glaube, mich ständig in ausweglosen Situationen zu befinden. Wenn Sie die Antworten immer wussten und nur warten wollten, bis ich selbst darauf komme, dann würde ich Sie jetzt bitten, sie mir einfach zu verraten. Ich habe gerade keine Zeit für solche Spielchen. Ich will bitte sofort das glückliche Ende.“ Ob Rammstedts Buch ein glückliches Ende nimmt, liegt im Auge des Betrachters.

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