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Ezra Pound: Die Cantos : Feuer und Asche im Mund des tobsüchtigen Troubadours

Fotoporträt des Künstlers als schicker Mann: Ezra Pound 1918, bevor er sein Lebensprojekt der „Cantos“ in Angriff nahm Bild: CORBIS/E.O. Hoppé

Sein Arbeitsleben investierte Ezra Pound ins Versepos „Die Cantos“. Eva Hesse hat ihres mit dessen nun vollendeter Übersetzung ins Deutsche verbracht.

          Das unvergleichliche Buch aus Gift und Licht, Schrott und Wert mündet außerhalb des autorisierten Textkörpers im Fragmentarischen. Es verlischt in einer Geste von literaturgeschichtlich nicht wiederholbarer Schönheit: „That I lost my center / fighting the world.“ Das heißt in der deutschen Gesamtausgabe, die es jetzt gibt: „Ich habe meine Mitte verloren / da ich antrat gegen die Welt.“ Eine verwandte Bilanz: „I have tried to write paradise / Do not move / Let the wind speak / that is paradise. / Let the Gods forgive what I / have made / Let those I love try to forgive / what I have made.“ Die letzten beiden Verse heißen deutsch: „Lass die, die ich liebe, mir nachsehn / was ich hervorgebracht. „

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein lyrisches Ich wollte die politische Weltepoche durchdringen und die erotisch-seelische umgreifen. Am Ende steht ein Offenbarungseid. Seine Übertragung in unsere Sprache krönt ein zweites Lebenswerk, das der Eva Hesse, unterstützt von Manfred Pfister, akribisch erläutert im Anhang von der Übersetzerin und Heinz Ickstadt.

          Mit Pounds Ergebung ins Misslingen, das ist die Pointe, gelang das Werk eben doch - und zwar so unantastbar, dass die gesamte englischsprachige Dichtung danach auf dem geborstenen Tempel bauen konnte: Wann immer die redseligste Weltsprache der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wahre, schöne, knappe Dinge sagen wollte, redete dieser Demagoge, Bekenner, Spinner und Seher mit - in Elizabeth Bishops unauslöschlichen Bildern, Robert Lowells privatesten Bekenntnissen oder den Fieberträumen der Beatniks. Noch der kühnste lebende amerikanische Lyriker, Frederick Seidel, dessen jüngstes Bändchen „Nice Weather“ derzeit die anglophone Kritik verblüfft und der für Pounds politische Positionen nicht einmal einen Klecks Spucke übrighätte, hat das Erbe angenommen - und arbeitet sich bis heute daran ab.

          Der unzurechnungsfähige Landesverräter

          Die jahrzehntelange Arbeit Pounds an seinem Hauptwerk, den „Cantos“, begann ganz ähnlich, als Überwindung und Inventarisierung der anglophonen Lyrik seiner Zeit und Emanzipationsversuch von deren Maßgaben. Die erste Lieferung zum „Poem of some length“ erschien 1925, nach dem Einzug in Rapallo, wo er zwei Jahrzehnte bleiben sollte, bis er, der Mussolini-Enthusiast, sich bei Kriegsende den Partisanen stellte, vom amerikanischen Militär in einen Isolationskäfig gesperrt wurde und in Haft die bewegendste Abteilung des Hauptwerks schrieb, die „Pisaner Cantos“. Als Landesverräter von Hinrichtung bedroht, lange Jahre als für unzurechnungsfähig Befundener in einer Anstalt interniert, blieb er mit den Motiven des Hauptwerks beschäftigt und hat sich auch nach seiner Rückkehr nach Italien wohl bis kurz vor seinem Tod, 1972 in Venedig, nie ganz davon abgewandt.

          1917 hatte er für sich aufgeschlüsselt, was Dichtung sei - ein Dreifaltiges: Phanopoeia, das starke Bild, Logopeia, das gültige Wort, und Melopoeia, prosodische Musik. Schon in der „imagistischen“ Phase schrieb er meist vom Melos her; die „Images“ waren immer auch Klangbilder (der Sog der Musik führte ihn bis in eigene Singspiel- und andere Kompositionen, dokumentiert etwa in aufschlussreichen jüngeren Einspielungen des Other-Minds-Ensembles).

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