https://www.faz.net/-gr3-73bgh

Ezra Pound: Die Cantos : Feuer und Asche im Mund des tobsüchtigen Troubadours

Pounds absolutes Gehör für Verskunst ist unbestritten - mehr als selbst der fugensichere Brückenbauer Hart Crane oder der Kammermusiker T. S. Eliot veredelte er das Silbensetzerhandwerk, die Wechselbefruchtung von Klangmaterial, Gegenstand und Haltung. Seine Handschrift ist dabei eine der „fallweisen Metrik“ - das heißt, er verschmähte es, wie seine angelsächsischen Vorbereiter auf eine fixe Form wie den elisabethanischen Blankvers oder das Couplet des achtzehnten Jahrhunderts zu bauen. Nicht, dass jene Formen unbrauchbar geworden wären: Noch vor wenigen Jahrzehnten hat ein Deutscher, Peter Hacks, schlüssige Couplets gebaut. Pound hätte das tun können. Er wollte nicht.

Stattdessen sollten Neuzüchtungen aus einem Spektrum von „ye olde Englishe“ bis „Pidgin Eskimo“ das vorgefundene sprachgenetische Material in mutationsbegünstigendes Schäumen versetzen. Dies gelang - vielleicht gegen alle Wahrscheinlichkeit, sicher aber gegen den Willen von Wegbegleiterinnen und -begleitern Pounds, die den vers libre als Dogma der Formpreisgabe missverstanden, statt ihn als Einladung zur produktiven Unzucht der Formen untereinander zu begrüßen. Freiheit war Pound nur denkbar als Spielraum zwischen unumstößlichen Setzungen. Er war ein Autoritärer und ließ als öffentlicher Intellektueller seine Abneigung gegen jede Regellosigkeit zur Raserei aufkochen: Konfuzius, Mussolini, die starke Hand ganz allgemein sollte die Kunst vor der Nivellierung durch Tauschwertwirtschaft und Beliebigkeit bewahren.

Anders als bei Eliots absolutistischem Anglikanertum, Brechts und Majakowskis Bolschewismus, William Empsons Maoismus aber ist es gerade das politisch-ideengeschichtlich Bekenntnis, das Pounds Formen auf dem Höhepunkt der Polemik eher verschlampen, entgleisen, verschmieren lässt, statt sie zu halten oder zu tragen: Die italienischen Canto-Einschübe, Schwarzhemdengelöbnisse und Marinetti-Elegien, sind klappernder Krampf.

Pounds Geld-, Zins- und Wuchertheorien, verstiegen, zwanghaft, ausufernd, Gefuchtel statt Argumentbauten, hätten ihn fast besiegt. Die Volkstribunenrolle zwang den Schauspieler in ihm, den inneren Regisseur, schließlich den inneren Dramatiker zu überwältigen.

Als Politiker war Pound ein Gummi-Goebbels

Flugblätter statt Oden: Er war wahrhaftig weit von seinem Weg abgekommen und wäre doch am liebsten so etwas wie ein Gildemeister gewesen, weshalb ihn an Mussolinis ständischem, mit pompösen Meritokratielügen dekoriertem Faschismus alles anzog und am völkischen Hitlers, den er seltener anhimmeltee, nur sehr wenig. Der Antisemitismus indes, das Feldzeichen aller antiegalitären Kapitalismuskritik, war auch seines. So kam es, dass. Pound, der Katharer und Mystiker gegen Priester, Kreuzfahrer und andere Pogromisten hochhielt, nicht wissen wollte, was in den Vernichtungslagern geschah, während er im Radio Roosevelt verhöhnte. Als Politiker und Ökonom war Pound ein Gummi-Goebbels und Radau-Rosenberg, dessen Geschichtsbild vor lauter Morphologie nicht abbilden konnte, was die Stunde geschlagen hatte.

War darum auch seine Kunst anachronistisch, der Anspruch, ein Versepos zu erfinden, von vornherein Blödsinn? Man könnte ja, mit Marx, aus dem Rohentwurf zum „Kapital“, fragen: „Ist Achilles möglich mit Pulver und Blei? Oder überhaupt die Iliade mit der Druckerpresse, und gar Druckmaschine? Hört das Singen und Sagen und die Muse mit dem Pressbengel nicht notwendig auf, also verschwinden nicht notwendige Bedingungen der epischen Poesie?“ Marx war der Meinung, dies sei so, weil „die unreifen gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie entstand, und allein entstehen konnte, nie wiederkehren können“.

Weitere Themen

Goldgräberstimmung auf dem Acker

Hype um Bienenschutz : Goldgräberstimmung auf dem Acker

Bauer Ernst Rieger handelt schon lange mit Wildsamen. Seit die Politik den Artenschutz für sich entdeckt hat und an diesem Montag sogar der Weltbienentag begangen wird, kann er sich vor Aufträgen kaum retten. Viele wollen nun in das Geschäft einsteigen – doch die Blumen sind anspruchsvoll.

China als  Readymade

Ai Weiwei in Düsseldorf : China als Readymade

An ihm scheiden sich die Geister: Der in Berlin lebende Künstler Ai Weiwei hegt eine Hassliebe zu seiner Heimat China. Jetzt zeigt die Kunstsammlung NRW die unterschiedlichen Phasen seiner Regimekritik.

Topmeldungen

Nach Mays Ankündigung : Brexit-Opfer

Das Brexit-Thema wurde May wie zuvor schon Cameron zum politischen Verhängnis – und es ist eine Last, die auch die kommende Regierung nicht einfach abschütteln kann. Die EU allerdings auch nicht.
Erst der Anfang: Dem „Spiegel“ stehen grundlegende Neuerungen bevor.

Bericht zu „Spiegel“-Skandal : „Ein verheerendes Bild“

Fünf Monate nach dem Bekanntwerden seines Fälschungsskandals hat der „Spiegel“ den Abschlussbericht seiner internen Untersuchung vorgelegt. Er offenbart eine Verkettung missachteter Warnungen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.