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Eva Menasse: Quasikristalle : Eine Frau braucht viele Gesichter

Bild: Kiepenheuer & Witsch

Unordnung und frühes Leid: Eva Menasse erzählt in ihrem neuen Roman „Quasikristalle“ aus dem Leben ihrer Heldin, die sich immer wieder neu erfindet.

          4 Min.

          Lange Zeit glaubte man, kunstvolle Muster wie etwa die berühmten Ornamente der Alhambra von Granada kämen in der Natur nicht vor. Es schien unmöglich, das von arabischen Baumeistern raffiniert entworfene Wechselspiel aus Ordnung und Unordnung als Ganzes zu wiederholen. Groß war daher die Überraschung, als vor einigen Jahren ein Wissenschaftler ebensolche „verbotenen Symmetrien“ unter seinem Mikroskop entdeckte. Inzwischen ist klar, dass es auf der Erde nicht nur Kristalle in der bekannten wohlgeordneten Struktur gibt, sondern eben auch in gebrochener Form.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Diese sogenannten „Quasikristalle“, für deren Entdeckung Daniel Shechtman 2011 den Nobelpreis erhielt, hat sich Eva Menasse nicht nur für den Titel ihres neuen Romans geborgt. Vielmehr hat sie deren chemische Struktur kongenial in Literatur verwandelt. Denn indem sie sich anschickt, dem komplizierten, sich widersprechenden, jedenfalls meist unergründlichen Lebensweg ihrer Heldin schreibend Stück für Stück nachzugehen, ohne dies am Ende je in eine höhere Ordnung zu führen, kommt Eva Menasse dem Rätsel des Daseins erstaunlich nah, das sich, wenn überhaupt, stets nur fragmentarisch offenbart: „Das Leben ist gleichzeitig festgefahren und fragil“, heißt es an einer Stelle des Romans, „ein Fahrzeug, das in einer steilen Kurve hängen geblieben ist.“

          Multiperspektivisches Erzählen

          Es ist interessant, wie sich die 1970 in Wien geborene, seit Jahren in Berlin lebende Schriftstellerin mit jedem Buch neu erfindet. Zu schreiben begann Eva Menasse als Journalistin, unter anderem auch als Redakteurin dieser Zeitung. Dann legte sie 2005 mit ihrem an Torbergs Tante Jolesch geschulten Debüt „Vienna“ einen Familienroman voller abenteuerlicher Schicksale, verrückter Episoden und skurriler Typen aus dem Wien des letzten Jahrhunderts vor. Vier Jahre später folgte, in gänzlichen anderem Ton, „Lässliche Todsünden“, ein durchkomponierter Erzählband, in dem die Autorin unterschiedlichste Formen menschlichen Scheiterns mit bösem Witz durchdeklinierte. In „Quasikristalle“ nun sucht sie die formale Herausforderung, indem sie die Lebensgeschichte ihrer Heldin von mehreren Protagonisten und aus immer neuen Perspektiven beschreiben lässt: von einer Schulfreundin, einem Angestellten, einem Vermieter.

          Dieses multiperspektivische Erzählen, das wir von Yasushi Inoues schicksalshafter Ehegeschichte „Das Jagdgewehr“ ebenso kennen wie von Lloyd Jones’ jüngst auf Deutsch erschienener „Frau im blauen Mantel“, stellt mehrere heterogene Versionen eines Lebens nebeneinander, die sich freilich nicht mehr synthetisieren lassen. Es gibt keinen verlässlichen Spiegel einer objektiven Wirklichkeit. In den dreizehn Kapiteln ihres Romans, von denen nur eines, das zentrale siebte, in der Ich-Form von der Protagonistin Xane Molin erzählt wird, lässt Eva Menasse das oszillierende Bild einer weiblichen Biographie entstehen. Was hier Wahrnehmung und was Wahrheit ist, lässt sich nicht mit letzter Gewissheit sagen, weil unser Wissen nur aus dieser Überlieferung stammt. „Nichts war einfach, bekannt, sicher, geglaubt, verbürgt“ - den Satz der neuseeländischen Schriftstellerin Janet Frame hat Eva Menasse programmatisch vor das erste Kapitel gestellt. Jedes neue Kapitel geht einen Schritt voran in dem Versuch, Xane Molins Wesen zu erfassen. Dass ihre Züge bisweilen in der Unschärfe verharren, ja mehr noch: diese sich in den verschiedenen Spiegelungen teilweise widersprechen, macht den Reiz des Romans aus.

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