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Eugene McCabe: Tod und Nachtigallen : Irlands Betrüger und Betrogene

  • -Aktualisiert am

Bild: Steidl Verlag

Konzert der Kreaturen: Eugene McCabes großer Roman „Tod und Nachtigallen“ über den blutigen Konflikt in Irland erscheint endlich auch auf Deutsch.

          Ganz früh am Morgen, noch bevor im Mai der Tag anbricht, beginnt diese Geschichte mit entsetzlichem Gebrüll: eine Kreatur, die furchtbare Schmerzen leidet, reißt die Hofbewohner aus dem Schlaf. Die Geschichte endet genau einen Tag später, als der nächste Morgen graut, doch diesmal ohne jegliches Geräusch. Denn an diesem neuen Morgen muss der Schmerz derart gewaltig sein, dass er sich nur stumm mitteilen kann. Dazwischen liegt ein heißer, fast hochsommerlicher Maientag und eine schlaflose, tiefschwarze Nacht.

          Es ist ein lang erwarteter, besonderer Tag, von dem uns dieser irische Roman erzählt, nämlich der 25. Geburtstag seiner Hauptfigur, der Tag, an dem Beth ihre Zukunft in die Hand nehmen und der Enge ihres ungeliebten Lebens in der ländlich-stickigen Gesellschaft Ulsters endgültig entkommen will. Gleich morgens, als das Gebrüll der Kuh sie aufweckt, lässt sie lustvoll die Gedanken schweifen und stellt sich vor, wie sie beim nächsten Tagesanbruch schon am Bahnhof stehen wird, am nächsten Abend das Postboot nach Glasgow nimmt und einen Tag später dann in London eintrifft; dort wird sie endlich auch ihren Geliebten wiedersehen, mit dem sie sich seit einiger Zeit heimlich trifft. Alles andere lässt sie hinter sich, den Hof, das Landleben, die Mägde, Knechte, Torfstecher und Kleinpächter sowie den herrschsüchtigen Gutsherrn, Witwer ihrer Mutter, von dem sie weiß, dass er nicht ihr Vater ist, und der sie lange schon mit überhaupt nicht väterlicher Zuwendung bedrängt. Den letzten Tag im alten Leben aber will sie noch genießen, ein letztes Mal den Blick auf die vertraute Landschaft richten, die Rhythmen der Routine kosten und so tun, als sei alles wie sonst. Wie grundstürzend jedoch ihr Leben sich an diesem einen Tag verändern wird, ahnt Beth da noch nicht. Nach Mitternacht erst bricht die Welt zusammen. Im Morgengrauen ist verloren, was sie liebte, und sie sieht sich ausgerechnet jetzt auf den zurückgeworfen, dem sie um alles in der Welt entfliehen wollte.

          Im gesellschaftlichen Morast

          Was mit dieser bitteren Pointe endet, ist ein Roman von ungeheurer Wucht und Größe, dicht komponiert, packend erzählt und voller schicksalhafter Ironie. Der irische Autor Eugene McCabe, Jahrgang 1930 und ansonsten durch Theaterstücke, Fernsehspiele und vor allem Short Stories bekannt, entfaltet in seinem einzigen Roman zugleich ein historisches Panorama. Seine Geschichte spielt 1883 in einer höchst bewegten Zeit, als die Nationalbewegung Irlands fast auf konstitutioneller Bahn Erfolg erzielt hätte, wenn nicht Charles Stewart Parnell, ihr Anführer, durch moralische Verfehlung sowie Heuchelei zu Fall gekommen wäre; so gewann die militante Untergrundbewegung, die im selben Jahr ihr erstes schweres Attentat verübte, Macht und Zulauf und bestimmte fortan das Geschehen. Die Romanhandlung ist dicht mit all diesen politischen Ereignissen verwoben, wie die historischen Erklärungen des Übersetzers im Anhang bezeugen. Doch auch wer daran kein Interesse hat, wird sich von der subtilen Spannung, die sich von Anfang an entwickelt und bald ins Atemlose steigert, mühelos mitreißen lassen. Denn hier ist das Historische keine Kulisse, sondern Material, aus dem dieser Erzähler souverän seine Figuren formt.

          Worum es geht, ist ein Geflecht aus schrecklichen Geheimnissen, aus Halbwissen, Halbwahrheiten, Verleumdung, Erpressung sowie Spitzelei, in das sich sämtliche Protagonisten immer mehr verstricken, da sie die anderen ständig hintergehen. In solch einer Sozialgemeinschaft der Betrüger wie Betrogenen wird Vertrauen zur Voraussetzung nur von Verrat, bis alle Grundfesten, auf denen ihre Welt gebaut ist, einbrechen. Denn wie das irische Torfmoor viel unter Verschluss hält und doch letztlich nichts verliert, kommt auch in dieser irischen Gesellschaft immer wieder Unerwartetes zum Vorschein, das auf einmal alles in ein anderes Licht setzt.

          Ein Konzert der Kreaturen

          Die eigentliche Macht dieses Romans liegt denn auch in den schicksalsschweren Landschaftsräumen, düster und doch sonnendurchflutet, die er entwirft und die zugleich gewaltige Klangräume sind, in denen viele Stimmen widerhallen. Nicht zuletzt sind es immer wieder Tierstimmen, die wie eine unheimliche Tonspur dem Geschehen unterliegen und seine Wendungen zu kommentieren scheinen: der gellende Schrei einer Füchsin, eine aufgeschreckte Amsel, der rhythmische Schlag einer Wiesenralle oder das klägliche Quieken eines sterbenden Kaninchens, das in den Krallen einer Schleiereule zappelt – ein Konzert der Kreaturen, das sich wunderbar auch in Hans-Christian Oesers polyphoner Übersetzung wiederfindet.

          Der Gewalt des blutigen Konflikts in Irland hat die Welt, wie man ganz ohne Häme feststellen muss, schon viel an großer Literatur zu danken, denn offenkundig fordert sie Autoren nachhaltig heraus. Es war daher höchste Zeit, dass Eugene McCabes bedeutender Roman, fast zwanzig Jahre nach Erscheinen und in Irland längst ein Klassiker, endlich auch bei uns erhältlich ist.

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