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Eugen Ruges Roman „Metropol“ : Was Menschen glauben wollen

Blick aus dem Hotel Metropol auf den Roten Platz: So wohnten die noblen Gäste. Charlottes und Wilhelms Fenster ging auf die Lubjanka. Bild: Burt Glinn / Magnum Photos / Agentur Focus

Ein Geschichtsroman besonderer Güte: Eugen Ruge schreibt mit „Metropol“ viel mehr als nur ein Prequel zu „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.

          5 Min.

          Als vor acht Jahren Eugen Ruges Debütroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ erschien, wurde er zum Sensationserfolg: Deutscher Buchpreis, entsprechend hunderttausendfach verkauft, Verfilmung mit keinem Geringeren als Bruno Ganz in einer Hauptrolle und viel, viel Kritikerlob. Dabei hatte Ruge nur das spätestens seit den „Buddenbrooks“ gängige Schema des generationenübergreifenden Familienromans mit autobiographischer Grundlage ein weiteres Mal belebt, allerdings mit dem Reiz, das hier Einblicke in die Leben einer semiprominenten DDR-Intellektuellenfamilie gegeben wurden – vor und nach der Wende von 1989. Und man merkte besonders der Charakterisierung des Veteranenpaars Charlotte und Wilhelm Powileit an, dass dessen Romanbiographien noch weit mehr zu bieten hätten als jene vier letzten Jahrzehnte seit ihrer Rückkehr aus dem mexikanischen Exil, von denen „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ erzählt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Nun wird tatsächlich mehr von Charlotte und Wilhelm erzählt, viel mehr sogar, der ganze neue Roman von Eugen Ruge gehört ihnen. Er hat fast haargenau die gleiche Seitenzahl wie der Vorgänger, deckt aber gerade einmal anderthalb Jahre ab, von September 1936 bis Januar 1938. Die Intensität der Porträts des Paars ist also eine ganz andere, als sie es angesichts des überbordenden Personals vor acht Jahren sein konnte, und war damals noch Wilhelm die fürs Buch bedeutsamere Figur, liegt diesmal ein besonderer Fokus auf Charlotte – aus ihrer Sicht werden nun die meisten Kapitel erzählt, dreizehn von zwanzig. Die übrigen sieben verteilen sich auf die Perspektiven zweier Nebenfiguren: Laima Zeraus alias Hilde Tal, eine lettische Revolutionärin und frühere Ehefrau von Wilhelm, und Wassili Wassiljewitsch Ulrich, der Vorsitzende Richter in den Moskauer Schauprozessen, mit denen Stalin sich seiner innenpolitischen Rivalen entledigte. Dazu kommt noch ein kurzer Prolog und ein umfangreicher Epilog, die jedoch nicht Teil der Romanhandlung sind.

          In diesen beiden Rahmentexten erzählt Ruge vielmehr, wie das neue Buch entstand. Der Stoff war ursprünglich als Bestandteil von „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ gedacht, aber die Moskauer Jahre von Charlotte und Wilhelm erwiesen sich dann als zu großes Thema. Zumal Eugen Ruge sich vor 2011 noch nicht leisten konnte, was er aus Recherche- wie Inspirationszwecken für unabdingbar hielt: eine Nacht als Gast im Luxushotel Metropol, dort, wo seine Großmutter väterlicherseits und deren Mann, sein Stiefgroßvater, in jenen anderthalb Jahren gewohnt haben, von denen der neue Roman erzählt. Denn das Buch heißt „Metropol“. Und das zu Recht.

          Macht ihn das zum schlechteren Roman?

          Das Hotel erscheint als ein Mikrokosmos der damaligen repressiven Stimmung, und im räumlichen Nebeneinander von Auf- und Absteigern der sowjetischen Gesellschaft wird der Zufallsfaktor Schicksal deutlich, den keiner der Beteiligten zu erklären vermag, aber alle fürchten. Im Hotel Metropol residierte Richter Ulrich, aber dort hatte man auch die Mitarbeiter der bis heute geheimnisumwitterten sowjetischen Agentenorganisation OMS einquartiert, als diese Institution liquidiert wurde. Deren russische Abkürzung bezeichnet die „Abteilung für internationale Verbindungen“ (ein Glossar ist dem Band beigegeben), und die OMS war dementsprechend vor allem mit ausländischen Kommunisten besetzt, darunter besonders vielen Deutschen, denn in deren Heimatland sollte die Weltrevolution sich nach Moskauer Plänen fortsetzen. Zu den deutschen Mitarbeitern zählten Eugen Ruges Großmutter und Stiefgroßvater, vor allem aber gehörten sie zu den wenigen OMS-Angehörigen, die die Stalin-Zeit überlebten.

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