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Eugen Ruge: Cabo de Gata : Die andalusische Katze

Bild: Rowohlt

Erinnern und erfinden: Seinem epischen Abgesang auf die DDR lässt Eugen Ruge eine Novelle folgen - „Cabo de Gata“ erzählt von einem Schriftsteller in der Krise.

          4 Min.

          Luis Buñuel ist schuld, dass der Mann bis in die späten neunziger Jahre nicht wusste, dass Andalusien wirklich existiert. Einige Jahre zuvor hatte er in Ostberlin, noch zu DDR-Zeiten, „Ein andalusischer Hund“ gesehen. An den Inhalt konnte er sich kaum erinnern, zumal die Umstände der Aufführung in einem halb legalen, eiskalten Kino mit einer Kopie, die dauernd riss, kaum weniger surrealistisch anmuteten als der Film selbst. Was den Erzähler aber beeindruckte, war der Titel, der sich ihm vielleicht gerade deshalb einprägte, weil er ihn nicht ganz verstand: „Ich brachte das Wort andalusisch in keiner Weise mit Geographie in Verbindung, sondern hielt es für eine Art Phantasie-Adjektiv, dessen Bedeutung ich in der Nähe von ,wunderbar‘ oder ,zauberhaft‘ wähnte.“

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          So erinnert sich der Held in Eugen Ruges neuem Roman, oder zumindest meint er, sich so zu erinnern, denn er weiß natürlich, dass das Gedächtnis alle Vergegenwärtigung immer wieder neu erfindet. Von dieser Spannung zwischen Erinnern und Erfinden, dem Wechselspiel literarischer Konstruktion und dem Vortäuschen vermeintlicher Authentizität handelt diese gleichnishafte Erzählung.

          Erfundene Realität

          Andalusien, das klang nicht nur fremd wie die Namen all der Orte, die unerreichbar hinter dem Eisernen Vorhang lagen, es musste vielmehr „ein Märchenort“ sein. Und dann entdeckt unser Erzähler eines Tages per Zufall in einem Reiseführer, dass es die Landschaft wirklich gibt. Da er sich ohnehin gerade in Barcelona aufhält, ohne zu wissen, was er in dieser Stadt mit ihrem „steingewordenen Wahn“ will, steigt er in den Nachtbus nach Andalusien, Richtung Cabo de Gata, das vom Reiseführer als romantisches Fischerdorf gerühmt wird.

          Der Erzähler, der uns die Geschichte der folgenden vier Monate aus dem Abstand von fünfzehn Jahren erzählt, ohne auf Hilfsmittel wie Internet oder Literatur zurückgreifen zu wollen (weshalb Sätze oft mit „Ich erinnere mich, dass...“ beginnen), ist zu diesem Zeitpunkt längst kein Mathematiker mehr, sondern Autor, leider erfolglos, und auch die DDR gibt es nicht mehr, und Cabo de Gata entpuppt sich, wen wundert’s, als äußerst unbehaglich.

          Geschichten erzählen heißt Erfahrungen weitergeben, hat Eugen Ruge einmal gesagt. Seinem neuen Roman, der, benannt nach besagtem „Cabo de Gata“, dieser Tage erscheint, stellt er eine Widmung voran, die ganz ähnlich klingt: „Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war.“ Das Verfahren hat Eugen Ruge bereits in seinem gefeierten Debüt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ angewandt, das der Mathematiker und spätere Dramatiker mit Mitte fünfzig vorlegte, wofür er 2011 den Deutschen Buchpreis bekam. Darin erzählt er die Geschichte seiner Familie zwischen der DDR, dem Ural und Mexiko, zwischen Anpassung und Widerspruch, zwischen 1950 und 2001.

          Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt

          Knapp zwei Jahre später folgt sein zweiter Roman. Das kann eine Hürde sein, und vielleicht hat Ruge deshalb diesmal alles anders gemacht, zumindest auf den ersten Blick. Dem damals weit gespannten Bogen über mehrere Kontinente und Jahrzehnte folgt nun eine Novelle, die, kaum halb so lang, aus der Perspektive eines namenlosen Ich-Erzählers geschrieben, sich in Zeit und Raum begrenzt. Es ist nicht die Geschichte einer stolzen Familie und ihres Niedergangs, sondern umgekehrt die eines Mannes, der, pleite, geschieden und erfolglos, sich auf den Weg macht, etwas Neues zu finden.

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