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: Etwas mit den Scherenhänden

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Explizite Lyrik - dieses Warnschild prangt, wörtlich übersetzt, auf Musikalben mit Texten jenseits des guten Geschmacks. Explizite Lyrik erwartet der Leser folglich auch, wenn Till Lindemann, Sänger der von Sankt Petersburg bis San Francisco umjubelten Rockgruppe "Rammstein", seinen ersten Gedichtband vorlegt.

          Explizite Lyrik - dieses Warnschild prangt, wörtlich übersetzt, auf Musikalben mit Texten jenseits des guten Geschmacks. Explizite Lyrik erwartet der Leser folglich auch, wenn Till Lindemann, Sänger der von Sankt Petersburg bis San Francisco umjubelten Rockgruppe "Rammstein", seinen ersten Gedichtband vorlegt. Gerade im umstrittenen Fall der Berliner Industriemetaller, die eben nicht nur bahnfahrende Bundeswehrsoldaten, sondern auch Filmregisseure wie David Lynch in ihren Bann schlagen, hilft die Erinnerung an die Wortverwandtschaft zwischen "Lyrics" und "Lyrik" weiter. Nicht umsonst trug das Debütalbum dieser erfolgreichsten deutschen Band des vergangenen Jahrzehnts den Namen "Herzeleid".

          Man kann Lindemanns Gedichtband, auf welchem der Autorname wie ein Querbalken die Augen des lyrischen Delinquenten verdeckt, in der Regalecke für schwarzen Kitsch abstellen. Man kann die Aufmachung aber auch als mehr oder minder gelungene Show betrachten. Selbst die Pose des verfemten Dichters, von Lindemanns Freund und Herausgeber Gert Hof im nur noch als Klamauk zu wertenden Metaphernblutrausch des Vorworts beschworen, bleibt Teil einer wie mit Trockeneisnebel erzeugten Aura. Und auch auf den Hochglanzbildern, welche Hof als einstiger Theatermann und Veranstalter von Millenniumsfeiern kunstvoll in Szene setzte, tritt der Dichter als überschminkter Weißclown im Ballettanzug auf, umgeben von nackten Schaufensterpuppen. Diese weiblichen Armeen aus Plastik, zwischen denen Lindemann als unheimlicher Zwitter aus Pierrot und Pennywise hervorblickt, verkörpern eher einen unwirklichen Ästhetizismus als einen echten Körperkult.

          Ganz wie die makellosen Puppen folgen auch die Gedichte des 1963 in Leipzig geborenen Bautischlers den strengen Gesetzen der Wohlgeformtheit - obwohl sie mit fast selbstquälerischer Besessenheit ums Thema der Häßlichkeit kreisen ("unter meinem Ungesicht / rauscht ein wunderschönes Herz"). Ein nahezu konservativer Formwille, der allerdings in längeren Balladen schnell an seine Grenzen stößt, prägt die Texte. Meist läuft eine Art Knittelvers durch, poetologische Entsprechung von "Rammsteins" hämmerndem Viervierteltakt. Doch erst wenn die Grabesstimme aus der Stereoanlage schweigt, entfalten sich beim Lesen jene Szenen von kühler Poesie, welche die besten Fundstellen des Bandes bezeichnen: "Und wenn mir nachts die Sonne scheint / ist niemand da / der mit mir weint."

          Lindemanns lyrisches Ich führt die Feder wie mit Scherenhänden, die jedes Bild auf grausame Weise zerschnipseln: "Ich schneide wie ein Blatt Papier / jeden Tag ein Stück von mir." Im harten Kunstlicht, welches die nicht selten alle Schmerzgrenzen überschreitenden Sektionen und Doktorspiele ausleuchtet, flackert die Dekadenz der Jahrhundertwende nach. Doch anders als Baudelaire oder Benn sucht Lindemann keineswegs den Schock der Moderne, sondern vielmehr den vergessenen Ausdruck. Wie sein Lebenslauf die ausgestorbenen Berufsbezeichnungen des Stellmachers und des Korbflechters enthält, so wimmeln seine Gedichte von Krüppeln, Dirnen und Lendenfrüchten. Mitunter landet der Leser sogar in mit Erlholz und Kohlweißlingen ausgestatteten Verfallsidyllen. Eine wahrhafte Hymne widmet Till Lindemann seinem bewunderten Vorbild Conrad Ferdinand Meyer, den er vom Dasein als Untoter zu erlösen trachtet. Auch der Hades der düsteren Wörter ist eben, Orpheus kann ein Lied davon singen, nichts als explizite Lyrik.

          ANDREAS ROSENFELDER

          Till Lindemann: "Messer". Gedichte und Fotos. Herausgegeben von Gert Hof. Fotografiert von Jens Rötzsch und Gert Hof. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2002. 176 S., geb., 29,90 [Euro].

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