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Estnische Romane auf Deutsch : Heimat als Schicksal, Heimat als Wahl

Altstadt von Tallinn, Blick auf die Alexander-Newski-Kathedrale Bild: Armand Ahmed Tamboly/Schapowalow

Selten werden Romane aus dem Estnischen ins Deutsche übersetzt. Nun liegen „Schattenspiel“ von Viivi Luik und „Die Nacht der Seelen“ von Karl Ristikivi in exzellenter Übertragung vor – zwei Romane, die sich mit der Freude der Fremde und der Last des Exils befassen.

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          Die Vorstellung, dass die Spatzen Italiens sich bis heute über den heiligen Franziskus unterhalten und in ihrem Zwitschern mit jedem Tag, den Gott ihnen schenkt, die Erinnerung an ihn bewahren, ist hübsch. Aber sie ist zugleich mehr als das, nämlich Verheißung einer geradezu utopischen Versöhnung von Last und Leichtigkeit, von einem Umgang mit Tradition, der alle, die an ihr teilhaben, nicht am Fliegen hindert. Viivi Luik, eine estnische Lyrikerin und Romanautorin von erheblichem Rang, entwirft diese Vorstellung beiläufig in ihrem als Roman betitelten Buch „Schattenspiel“, das Cornelius Hasselblatt in ein leichtfüßig-fröhliches Deutsch übertragen hat. Und genau um das Abwerfen einer Last, das Freiwerden von einem Kollektivschicksal dreht sich dieses Buch. Es verhandelt im Plauderton des Feuilletons – als literarische Gattung begriffen – ernste Dinge.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Für Viivi Luik, die dieses Buch in Ich-Form erzählt und in autofiktionaler Technik mit Details ihrer eigenen Biographie spielt, erfüllte sich im Jahr 1998 ein Kindheitstraum: Sie kam nach Italien, als Gattin von Jaak Jõerüüt, des estnischen Botschafters, den sie nur „JJ“ oder, in einer Ineinssetzung von privatem und öffentlichem Körper, „den estnischen Staat“ nennt. Schon als Dreijährige hatte sie auf dem Dachboden des Hauses ihrer Großmutter ein dickes Buch mit Bildern vom Kolosseum in Rom gefunden. Rom wurde ihr Sehnsuchtsort, ihre gewählte Heimat im Gegensatz zur Heimat, in die das Leben sie geworfen hatte: Estland, späte vierziger Jahre, Tausende von Menschen, die unter stalinistischer Besatzung nach Sibirien verbracht wurden.

          Eigentlich hat Luik, wie sie gleich auf der ersten Seite schreibt, keine Lust mehr, „noch einmal diese alte, abgenutzte, zerkratzte und knisternde Deportationsplatte aufzulegen“. Mit der politischen Gewaltgeschichte Estlands hatte sie sich schon in ihrem ersten Roman „Der siebte Friedensfrühling“ (auf Deutsch erschienen bei Rowohlt im Jahr 1991) und nicht nur dort literarisch befasst. Die Lust, damit endlich Schluss zu machen, Heimat als Wahl und nicht als Schicksal zu erleben, die Verheißung, sich von seiner Herkunft distanzieren zu können, endlich zur Mitte Europas zu gehören und von der Isolationshaft in dessen kultureller Peripherie erlöst zu sein – sie treiben Viivi Luik um in diesem Buch, das, wie der Titel sagt, mit den Schatten spielen möchte.

          Viivi Luik: „Schattenspiel“. Roman. Aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt. Wallstein Verlag, Göttingen 2018. 272 S., geb., 22,– .

          Aber während sie die Theatralität italienischer Bahnangestellter, das diskrete Rittertum italienischer Ärzte, aber auch die mordbereite Wehrhaftigkeit italienischer Mädchen beschreibt, legen sich die Schatten von Herkunft und Schicksal immer wieder über das Glück der Ankunft im gelobten Land. Eine Fisch-Konserve mit der Silhouette der estnischen Hauptstadt Tallinn holt in der Fremde die Erinnerung wieder herbei und mit ihr alles Unbewältigte, Unbewältigbare im Verhältnis zur Heimat: „Denn dort hinter den Türmen beginnt das arme, schmutzige, heimtückische, unglückliche und niederträchtige, in Dunkelheit versunkene Land, über dem der wilde und saubere Nordlandhimmel schwebt. Das ist ein Land, für das ich mich geschämt habe. So wie sich arme Kinder vor anderen ihrer Unterwäsche schämen, habe ich mich dieses Landes geschämt. Vielleicht hätte ich mich auch weiterhin für meine arme Unterwäsche geschämt, wenn ich nicht in dieser Unterwäsche das Gedicht ,Spätsommer‘ geschrieben hätte, dessen sich zu schämen auch heute kein Grund besteht.“

          Scham und Stolz kommen hier hart aneinander zu liegen. Und „Spätsommer“ ist eines der Gedichte Luiks, mit dem sie ihr überragendes Können als Lyrikerin ganz früh gezeigt hatte. Ein Patriotismus der Sprache schimmert durch diese Zeilen der Scham hindurch, ein Stolz, der ganz offensichtlich nicht dem Glanzbild gilt, das Estland in unseren Tagen von sich selbst entwirft: als Land weitreichender Digitalisierung und hipper Technologien, als Land glücklicher Individualisten. Stolz ist Luik nicht auf ein Land, dessen Volk so oft Opfer war, aber auf dessen Dichtung. Immer wieder zitiert sie Verse von Kollegen: Joel Sang, Juhan Liiv oder Karl Ristikivi.

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