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Estnische Romane auf Deutsch : Heimat als Schicksal, Heimat als Wahl

Aus dem Estnischen, das auf der ganzen Welt wohl weniger Sprecher als Berlin Einwohner hat, liegen nur wenige Übersetzungen ins Deutsche vor. Jaan Kross erlangte mit seinen historischen Romanen hierzulande seit den siebziger Jahren einige Bekanntheit. Die großen Autoren aus der Zeit einer kulturellen und staatlichen Selbstfindung des Landes in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, Anton Hansen Tammsaare, Eduard Vilde oder Friedebert Tuglas, sagen den meisten Lesern in Deutschland nichts, obwohl sie ihnen als weitblickende Epiker, kritische Beobachter und als Essayisten von feinstem sprachlichem Schliff viel zu sagen hätten. Im Nachklang des Jahres 2018, der Hundertjahrfeier der ersten Eigenstaatlichkeit Estlands, ist nun auch bei Guggolz der Roman „Die Nacht der Seelen“, ein Schlüsselwerk von Karl Ristikivi, in der vorzüglichen deutschen Übersetzung von Maximilian Murmann erschienen. Ristikivi, 1912 geboren, floh 1944 vor der sowjetischen Besatzung Estlands nach Schweden, wo er 1977 starb. Hier entstand 1953 auch „Die Nacht der Seelen“, ein Roman, der heute, wie Rein Raud im Nachwort schreibt, zum Schulstoff in Estland gehört.

Karl Ristikivi: „Die Nacht der Seelen“. Roman. Aus dem Estnischen von Maximilian Murmann. Guggolz Verlag, Berlin 2019. 373 S., geb., 24,– .

Die Erfahrung der Fremdheit wird zum Ausgangspunkt und eigentlich auch zum Cantus firmus des Romans. Der Ich-Erzähler besucht am Silvesterabend ein Konzert in Stockholm und gerät dabei in das „Haus des toten Mannes“ – einen undurchsichtigen Bau rund um einen ausgestellten Sarg, von dem man nie erfährt, wer darin liegt. Auch die Gesellschaft ist ihm fremd, obwohl alle Leute den Erzähler zu kennen scheinen. Die Präzision in der Detailbeschreibung legt falsche Fährten. Zu einem Sinnganzen schließen sich die Details nie zusammen.

Die Verbindung aus Luxus, Beklemmung und Fremdheit nimmt die Atmosphäre von Alain Renais’ Film „Letztes Jahr in Marienbad“ vorweg. Auch selbstreflexive Spiegelungen finden sich in diesem Roman: „Nein, ich schreibe nicht über lebende Menschen. Sie existieren ohnehin, das ergäbe also keinen Sinn. Ich schreibe über Menschen, die es nicht gibt. Ich denke sie mir aus, um ein wenig Gesellschaft in meiner Einsamkeit zu haben“. Wir begegnen diesen Menschen dann in Beschreibungen von köstlichster Bosheit: „Die Dame, die mir gegenüber saß, war eine üppige Frau in der letzten Blüte ihres Lebens, die aufgrund ihrer krausen weißen Perücke aussah wie ein Schaf. Auf ihrer fettigen Haut hatte der Puder schuppenartige Flecken gebildet. Als sie vorschlug, einander vorzustellen, beteiligte sich ihr dick geschminkter roter Mund zurückhaltend an einer Grimasse, die einem Lächeln ähnelte“.

Der Roman kulminiert, darin Franz Kafkas „Prozess“ ähnlich, in Gerichtsverhören, deren Regularien völlig unverständlich bleiben. In den Zeugenstand gerufen, stellt der Ich-Erzähler plötzlich fest, angeklagt zu werden: „Sie sind hierhergekommen, weil Sie nicht den Mut hatten, draußen zu sein. Und Sie sind hiergeblieben, weil Sie nicht den Mut hatten, zurückzugehen. Kurzum – ein Flüchtling, nicht wahr?“ Der Angeklagte muss seine Beweggründe darlegen, warum er gegen den Kommunismus ist. Er schweigt. „Vielleicht war mein Schweigen auch bedingt durch die Einsicht, dass die Frage nicht gestellt wurde, weil jemand am Kommunismus interessiert gewesen wäre oder gar an meiner Einstellung dazu. Die Frage war nur ein kleines Glied in der Kette von Fragen, deren Ziel es war, herauszufinden, ob ich ein Lebensrecht hatte oder nicht. Dies hatte ich stets hinter diesen mit unschuldigen Mienen gestellten Fragen erahnt, selbst wenn man von mir wissen wollte, ob wir in Estland Gardinen vor den Fenstern haben und ob wir Kaffee trinken. Und deshalb habe ich es satt zu antworten.“

Die Frage, ob es sich bei diesem im sprachlichen Detail mustergültig durchgeformten Buch um einen surrealistischen oder existentialistischen Roman handele, mag akademisch sein. Auf jeden Fall verarbeitet es die Erfahrungen der Fremdheit im Exil und des Desinteresses am Lebensschicksal eines estnischen Flüchtlings, und zwar in einer nicht rationalen Logik des Traums. So entgeht es den Peinlichkeiten des Appells oder der Gegenanklage. Ähnlich wie Viivi Luik versucht auch Ristikivi, durch ein literarisches Verfahren die Selbstbestimmung zu wahren und sich nicht von einer schmutzigen Wirklichkeit auf deren Niveau hinabziehen zu lassen.

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