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Esther Kinskys Roman „Am Fluß“ : Räbinnenschnäbel und andere famose Worte

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London scheint endlos entfernt zu sein von den Marshlands im Osten der Stadt. Auch davon erzählt Esther Kinsky. Bild: FLPA/Robert Canis / agefotostock

Mit diesem Buch steht sie auf der Longlist des Deutschen Buchpreises: Esther Kinskys Roman „Am Fluß“ etabliert mit einem Schlag nicht nur eine neue Sprache, sondern auch ein altes Genre.

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          Dort, hinter dem Fluss, lag ein Erlenhain, ein halbwilder Ort, „wo sich an kalten Tagen der Nebel ballte, der ganze Hain wollte Anwärter auf Erlkönigtum und Verwunschenheit sein, doch in Wildnis geschulte Parkarbeiter hatten hier Abholzübungen durchgeführt“. Ein Picknickplatz wurde begonnen, dann aufgegeben, Schwäne glitten durchs Dämmerlicht am nordöstlichsten Zipfel Londons, dort, wo fromme Juden ihre Siedlungen behaupteten und halbverwildertes Marschland entlang des River Lea, der einige Kilometer weiter in die Themse mündet, zu langen Spaziergängen einlud, ohne Ziel oder Bestimmung, wie es schien.

          „Ich hörte die Brachvögel, Drommeln und Kiebitze, Schwermutslaute aus untraurigen Kehlen, ich sah meine Großmutter wieder am Fenster stehen und diese Vogelrufe ausstoßen, sich einbildend, die Vögel wären zu täuschen, sie könnte es mittels ihrer Herzenstraurigkeit den Lauten aus den an sich ganz gleichmütigen Vogelkehlen gleichtun, die doch vom Herzzerreißenden ihres Klanges nicht das Geringste wussten. So geht jedem die Natur ans Leben - mit ihrem ungerührten Herzschlag, der an die herzbemannte Unruh aller Trauer rührt.“

          Herzbemannte Unruh überkommt einen bei der Lektüre dieser präzisen Mensch-Natur-Etüden. Esther Kinskys Roman stellt mit geduldiger Ausdauer alles in den Schatten, was zuletzt in deutscher Sprache erschienen ist. Es ist voller Bildung, ohne gebildet sein zu wollen, voller Wissen, ohne etwas besser zu wissen. „Am Fluß“ ist ein demokratisches Buch, klug und weise und rührend schön, wie das Bild einer rätselhaften Landschaft, die sich ihrem Betrachter erst ganz stofflich als Textur, später dann als Text, noch später und nur für den, der weitergehen möchte, als Text über Texte verschlüsselt. Im günstigsten Fall über all die Lebensformen und natürlichen Prozesse, die sich an und auf der geschilderten Natur vollziehen. Im nicht minder beglückenden Fall als neuerliches Rätsel.

          „Nature Writing“

          Man könnte sagen, dass Kinsky die Sedimente menschlichen Lebens begutachtet, denn an den Ufern ihrer Flüsse wird angeschwemmt, was von Menschen gemacht wurde, es wird überschwemmt, was zum Bleiben gedacht war, es wird begradigt, verschmutzt oder der Verwilderung anheimgegeben. Und so urwüchsig die Natur ist, die Kinsky durchmisst, so sind auch die Menschen, von denen sie mit diskretem Interesse erzählt, überzeitliche Mythenträger. Sie scheinen im verborgenen Auftrag zu handeln: Könige, fromme Juden, Goldsucher, Kunstreiter, Gaukler - Suchende, Glaubende, Träumende, auch Findende.

          Es ist unglaublich, dass dieses Buch zu großen Teilen in London spielt, der Stadt, in der Kinsky es immerhin mehr als zehn Jahre lang ausgehalten hat, bevor sie wieder ihre Koffer packte und zu neuen Heimaten in Osteuropa, schließlich in Berlin aufgebrochen ist. Die City scheint endlos entfernt zu sein von den Marshlands im Osten Londons - so weit vielleicht, wie nur die Zivilisation sich ihren natürlichen Ursprüngen entwinden kann. Kinsky, die bislang zwei Romane, mehrere Gedichtbände, Kinderbücher und einen Essay übers Übersetzen veröffentlicht hat, etabliert mit diesem Buch ein Sujet in der Gegenwartsliteratur, das in der angloamerikanischen Welt seit bald zweihundert Jahren unter dem Gattungsbegriff „Nature Writing“ bekannt ist.

          Bild: Matthes & Seitz Berlin

          In Deutschland ist es bis auf wenige Ausnahmen vernachlässigt geblieben. In einer Kosmos-Vorlesung von 1827 attestiert Alexander von Humboldt dem „hohen Meister“ Goethe noch ein „tiefes Gefühl“ für die Natur. Aber niemand reiche in „Wahrheit und Anmut“ an den Weltumsegler Georg Forster heran: „Er entwirft ein sehr geschmackvolles Naturbild, in dieser Art das Erste, u. schildert nicht nur lebhaft den Anblick der Tropenwelt, sondern berücksichtigt auch die verschiedenen Sitten u. Racen der Völker.“

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