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Esther Kinskys Roman „Hain“ : Wie die Amsel schwarz wurde

Eine Grauzone zwischen Rhein und Styx, zwischen Leben und Tod: Fischerhäuser am Po-Delta. Bild: © Luigi Vaccarella/Schapowalow

Gewinn oder Verlust, das ist manchmal nur eine Frage der Betonung: Esther Kinsky fährt nach Italien und erkundet in ihrem Geländeroman „Hain“ den Ort, wo sich Tote und Lebende begegnen.

          4 Min.

          Die Reise, die von der hinterbliebenen Lebensgefährtin eines Mannes namens „M.“ unternommen wird, beginnt im Zeichen des Verlusts: „Es war Januar, als ich in Olevano ankam, zwei Monate nach M.s Beerdigung“, notiert sie: „Die Reise war lang, führte durch schmuddelige Winterlandschaften, die sich unentschlossen an graue Schneereste klammerten“, und die Schilderung der Route, so scheint es, rechtfertigt die Kapitelüberschrift „Weg“. Allerdings kann man den Vokal lang oder kurz aussprechen und damit die Strecke oder den Verlust meinen, muss sich aber nur dann zwischen diesen beiden Lesarten entscheiden, wenn man das Wort ausspricht. Belässt man es beim stummen Lesen, kommt man Esther Kinskys Buch, für das sie die einleuchtende Gattungsbezeichnung „Geländeroman“ gewählt hat, sicherlich näher. Denn es ist diese Ambivalenz, dieses unangestrengt Durchscheinende, diese schimmernde Bedeutungsvielfalt all dessen, was die Erzählerin von zwei aktuellen Italienreisen und der Erinnerung an viele frühere, mit dem längst verstorbenen Vater unternommene, notiert und bewahrt, das dem Buch seinen außergewöhnlichen Zauber verleiht.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Verlust des Anfangs setzt sich auch während der Reise fort: Unterwegs wird das Auto der Erzählerin aufgebrochen und der mitgeführte Koffer gestohlen, in dem sich die Kleidung des Verstorbenen befand – die Trauernde hatte vorgehabt, in der Wohnung im italienischen Olevano Romano nachts M.s Hemden zu tragen. Dieser Plan ist schon eines der deutlichsten Anzeichen, wie es um die Erzählerin steht, die sonst sehr viel mehr über die Landschaft, die sie bereist, preisgibt, als über sich selbst. Man stellt sie sich vor wie eine Erstarrte, die gemessenen Schritts durch das Städtchen in den Bergen nordöstlich von Rom läuft, die sich ins Auto setzt und Ausflüge macht und immer wieder den Friedhof besucht, die bei den Behörden vorstellig wird, um etwas über ein bestimmtes Grab zu erfahren oder stundenlang den Olivenbaumschneidern bei ihrer Arbeit zusieht.

          In der Musik der Welt abhandenkommen

          Über sich selbst sprechen muss sie aber auch gar nicht, solange sie in dieser besonderen Weise von dem erzählt, was sie sieht, vor allem in den kunstvoll beiläufigen Sätzen, die jeweils die kurzen Kapitel einleiten: „Die Tage wurden länger, aber kaum wärmer und heller“ ist so ein Satz, den man mühelos auf das Innen wie das Außen beziehen wird, und der Verlust, der alles grundiert und nur selten benannt wird, tritt hier wie in vielen anderen Beschreibungen so deutlich hervor, dass er den Leser zuverlässig erreicht.

          Die Schriftstellerin Esther Kinsky
          Die Schriftstellerin Esther Kinsky : Bild: obs

          Es ist eine intensiv erfahrene, leise Trauer, die von der auch sich selbst gegenüber scharfsichtigen Erzählerin in Sprache gebannt wird, samt aller Versuche, damit umzugehen. Als sie etwa erfährt, dass ganz in der Nähe der Ort Palestrina liegt, aus dem der Kirchenmusiker stammt, fährt sie dorthin: „Vor vielen Jahren hatte ich in einer Palestrinamesse gesungen und dabei gemerkt, wie ich in der Musik trauerlos der Welt abhandenkam, unsichtbar wurde und nichts mehr sah.“ Sie erzählt ein Märchen nach, von einem schneeweißen Vogel, der sich in der Not in einen Kaminschlund begibt und nun, als schwarze Amsel, aller Verwandlung und Versehrung zum Trotz weiterlebt. Und sie probiert aus, welche Folgen das Alltägliche auf ihren Zustand haben kann, wenn sie es im Bewusstsein des Verlusts durchführt.

          Ein dem Leben zugewandtes Buch

          So kauft sie, weil M. immer eine solche Freude daran hatte, dem Obsthändler ein paar Orangen ab – einen „Trauerkauf“ nennt sie das, ein „Versuchsritual“, und was in einem anderen Zusammenhang unzugänglich oder auch banal sein könnte, erhält in diesem Buch, das in jeder Zeile vom Verhältnis zwischen Tod und Leben spricht, eine besondere Dimension: Geht es darum, in den Orangen M.s Bild heraufzubeschwören, ihn gar auf kurze Zeit zurückzuholen? Oder geht es umgekehrt darum, seinen Geist, die Erinnerung an ihn mit einer Art Opfer zu befrieden?

          Esther Kinsky: „Hain“. Geländeroman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 287 S., geb., 24,– €.
          Esther Kinsky: „Hain“. Geländeroman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 287 S., geb., 24,– €. : Bild: Suhrkamp Verlag

          Tatsächlich ist die Erinnerung an M. etwas, das offensichtlich keiner Kontrolle unterliegt – manchmal meldet er sich im Traum, wo er mit verstörender Deutlichkeit in rasender Schnelle aus dem Bereich der Lebenden in den der Toten wechselt. Und er erscheint ganz am Ende des Buchs, als die Erzählerin bei der Abreise nun aus dem Podelta ihre Sachen packt, darunter auch die Kameratasche. Dort ertastet sie „in einem nie genutzten Seitenfach einen eckigen Umriss.“ Der gehört zu einem Negativstreifen, der, gegen das Licht gehalten, auf einmal den „sofort erkannten“ M. zeigt. Der blinzelt gegen das Licht, heißt es, und es ist der beiläufigen Kunst der Autorin geschuldet, dass man dieses Blinzeln zugleich beiden Situationen geschuldet weiß, einmal der, in der das Bild aufgenommen wurde, zweitens aber der, in der das Negativ wieder gefunden und aus der Dunkelheit der Kameratasche ins italienische Winterlicht gehalten wird.

          Es ist ein dem Leben zugewandtes Buch, das doch permanent die Grenzen des Totenreichs und auch des Totengedenkens auslotet, und die kursive Einleitung dieses Geländeromans schlägt den Ton an, der durch das übrige Buch hallt, wenn sie den Raum zwischen Leben und Tod als etwas eigenes beschreibt, etwas, das in keinem der beiden Zustände ganz aufgeht. Es setzt sich fort in vielen Bildern, die diese Grauzone aufs Schönste mit den Mitteln einer Sprache beschreibt, die mühelos den Rhein mit dem Styx überblendet und das deutsche Fährpersonal mit Charon. Und wenn es einmal heißt „Bis hierher gehe dein Totenreich“, dann wird man diesen Ausspruch zugleich rührend finden und mutig, keineswegs aber wird man auf seine Wirksamkeit vertrauen.

          Einmal, nach Wochen in den Bergen, sitzt die Erzählerin im Gras und blickt über die Landschaft. Jetzt stellt sie eine Verbindung her zwischen den Zielen ihrer bisherigen Ausflüge, und zugleich klingt das, was topographische Beschreibung sein sollte, wie das Sprechen über die eigene Situation, den eigenen Lebensweg nach M.s Tod. Das setzt sich im Traum fort, wo sie für sich selbst die Frage nach der Zugehörigkeit zu den Lebendigen oder den Toten beantworten muss, und ob sie weiterhin unter den Lebenden als Gespenst herumziehen will.

          Als sie die Gegend verlässt, notiert sie, wie plötzlich „wie im Märchen“ das Bleiherz zerspringt. Auch dies eine zweischneidige Formulierung. Als ob es noch eines weiteren Beweises bedurft hätte, wovon dieser reiche, traurige, kostbare Roman lebt.

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