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Esther Kinskys Roman „Hain“ : Wie die Amsel schwarz wurde

Ein dem Leben zugewandtes Buch

So kauft sie, weil M. immer eine solche Freude daran hatte, dem Obsthändler ein paar Orangen ab – einen „Trauerkauf“ nennt sie das, ein „Versuchsritual“, und was in einem anderen Zusammenhang unzugänglich oder auch banal sein könnte, erhält in diesem Buch, das in jeder Zeile vom Verhältnis zwischen Tod und Leben spricht, eine besondere Dimension: Geht es darum, in den Orangen M.s Bild heraufzubeschwören, ihn gar auf kurze Zeit zurückzuholen? Oder geht es umgekehrt darum, seinen Geist, die Erinnerung an ihn mit einer Art Opfer zu befrieden?

Esther Kinsky: „Hain“. Geländeroman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 287 S., geb., 24,– €.
Esther Kinsky: „Hain“. Geländeroman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 287 S., geb., 24,– €. : Bild: Suhrkamp Verlag

Tatsächlich ist die Erinnerung an M. etwas, das offensichtlich keiner Kontrolle unterliegt – manchmal meldet er sich im Traum, wo er mit verstörender Deutlichkeit in rasender Schnelle aus dem Bereich der Lebenden in den der Toten wechselt. Und er erscheint ganz am Ende des Buchs, als die Erzählerin bei der Abreise nun aus dem Podelta ihre Sachen packt, darunter auch die Kameratasche. Dort ertastet sie „in einem nie genutzten Seitenfach einen eckigen Umriss.“ Der gehört zu einem Negativstreifen, der, gegen das Licht gehalten, auf einmal den „sofort erkannten“ M. zeigt. Der blinzelt gegen das Licht, heißt es, und es ist der beiläufigen Kunst der Autorin geschuldet, dass man dieses Blinzeln zugleich beiden Situationen geschuldet weiß, einmal der, in der das Bild aufgenommen wurde, zweitens aber der, in der das Negativ wieder gefunden und aus der Dunkelheit der Kameratasche ins italienische Winterlicht gehalten wird.

Es ist ein dem Leben zugewandtes Buch, das doch permanent die Grenzen des Totenreichs und auch des Totengedenkens auslotet, und die kursive Einleitung dieses Geländeromans schlägt den Ton an, der durch das übrige Buch hallt, wenn sie den Raum zwischen Leben und Tod als etwas eigenes beschreibt, etwas, das in keinem der beiden Zustände ganz aufgeht. Es setzt sich fort in vielen Bildern, die diese Grauzone aufs Schönste mit den Mitteln einer Sprache beschreibt, die mühelos den Rhein mit dem Styx überblendet und das deutsche Fährpersonal mit Charon. Und wenn es einmal heißt „Bis hierher gehe dein Totenreich“, dann wird man diesen Ausspruch zugleich rührend finden und mutig, keineswegs aber wird man auf seine Wirksamkeit vertrauen.

Einmal, nach Wochen in den Bergen, sitzt die Erzählerin im Gras und blickt über die Landschaft. Jetzt stellt sie eine Verbindung her zwischen den Zielen ihrer bisherigen Ausflüge, und zugleich klingt das, was topographische Beschreibung sein sollte, wie das Sprechen über die eigene Situation, den eigenen Lebensweg nach M.s Tod. Das setzt sich im Traum fort, wo sie für sich selbst die Frage nach der Zugehörigkeit zu den Lebendigen oder den Toten beantworten muss, und ob sie weiterhin unter den Lebenden als Gespenst herumziehen will.

Als sie die Gegend verlässt, notiert sie, wie plötzlich „wie im Märchen“ das Bleiherz zerspringt. Auch dies eine zweischneidige Formulierung. Als ob es noch eines weiteren Beweises bedurft hätte, wovon dieser reiche, traurige, kostbare Roman lebt.

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