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Esmail Kho’i: Am Fenster der Erinnerung : Die innere Unsicherheit

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag Hans Schiler

Er ist der Dichter des iranischen Schmerzes: Hierzulande ist der in London im Exil lebende Esmail Kho’i unbekannt geblieben.

          3 Min.

          So kann man sich täuschen! Darf nicht jeder Gebildete, jeder Goethe-Leser von sich sagen, er kenne die persische Lyrik, habe zumindest von den wichtigsten Namen, Hafis, Rumi, Omar Khayyam schon gehört, die ein oder andere Übersetzung, Adaption, Nachdichtung gelesen, Goethes Anverwandlungen im „West-östlichen Divan“ zumindest? Wie wenig nachhaltig aber die romantische Begeisterung für die persische Lyrik war, merkt man vor allem daran, dass sich kaum jemand dafür interessiert, was auf persisch heute geschrieben wird.

          Vor langer Zeit gab es einmal ein Bibliothek-Suhrkamp Bändchen mit der berauschenden Frauendichtung von Forugh Farrokhzad („Behalte den Flug im Gedächtnis, der Vogel ist sterblich!“). Und von Ahmad Shamlu, den für iranische Ohren Größten der Zeitgenossen, gab es in der Edition Urs Engeler eine Auswahl mit CD, der man auch mehr Beachtung gewünscht hätte. Und wenn Kurt Scharf, Leiter des Goethe-Instituts in Teheran vor der iranischen Revolution und einer der wenigen Vermittler der neuen persischen Literatur, im Nachwort zu seiner Auswahl von Esmail Kho’i schreibt „allein auf deutsch finden sich Gedichte von ihm in sechs verschiedenen Anthologien“, so glauben wir ihm das, ohne nachzuzählen.

          Aber es ändert nichts daran, dass Esmail Kho’i bei uns unbekannt geblieben ist. Dass es nun überhaupt einen Buch mit seinen Gedichten auf deutsch gibt, verdankt sich dem neu gestifteten, aber auch schon wieder ausgesetzten Coburger Rückert-Preis, der Schriftsteller auszeichnet, die in Sprachen schreiben, aus denen Rückert übersetzt hat.

          Der bittere Tee der Melancholie

          Doch die große alte Tradition der persischen Lyrik lastet auf den persischen Dichtern selbst naturgemäß noch einmal schwerer als auf ihren Vermittlern. Dass Kurt Scharf kein Rückert ist, verzeihen wir ihm leicht, aber der 1938 in Mashhad geborene Esmail Kho’i wird von seinen Lesern vermutlich an Hafis gemessen werden. Er weiß um die Gefahr und schreibt seine Texte nur noch „An Gaselen statt“, wie der Titel vieler Gedichte in diesem Band lautet. Ähnlich wie in den anderen Islamsprachen gelang es auch im Persischen erst im zwanzigsten Jahrhundert, die mittelalterlichen Vorbilder abzuschütteln. Während Khomeini allen Ernstes im Stil von Hafis schrieb, kann ihm Kho’i entgegnen: „Vor mir hüte dich,/du Schar muslimischer Grünschnäbel!/Ich bin ein alter Feueranbeter.“

          Freilich, Kho’i tut dies aus dem Exil in London, wo er seit 1983 lebt, und das Heimweh durchzieht diese Gedichte mit einer Insistenz, dass man zuweilen auf den Tisch hauen und den Dichter bitten möchte, sich zusammenzunehmen. Da werden „auf der Matte der Erinnerung die Zigaretten eines Seufzers“ geraucht und der „bittere Tee der Melancholie“ getrunken. Fast läse man diese Exillitanei als Parodie, schösse der unabweisbare Ernst, das treffende Bild nicht doch immer rechtzeitig durch die Texte. Am Morgen kräht kein Hahn mehr, sondern gurrt eine „Taube, die aus dem Flaschenhals/das Schlaflied des Alkohols“.

          Eine Dichtung in höchster Not

          Der Einbruch der Realität tut den symbolistisch bedeutungschweren Texten gut, so schön diese gedankenwere Sprache ist, die wir von heutigen Dichtern gar nicht mehr kennen. „Ich weiß,/selbst wenn ich eine Taube wäre, / wäre ich nichts als/eine Handvoll Federn und Atem.“ Selbst dann aber, so fährt der Text fort „gewöhnte ich mich nie an den Käfig/und wäre nirgends ein Haustier, für niemand.“

          Die neue iranische Dichtung, so darf man hieraus schließen, ist eine Dichtung in höchster Not. Mag der Dichter im Exil auch gerettet sein, seine Kunst ist es nicht. Der Blick richtet sich hilfesuchend nach innen und schließt an die große Tradition der mystischen Literatur an. In dieser Übersetzung finden wir die freien Reime wieder, die die meisten Texte des hier ebenfalls abgedruckten Originals auszeichnet. Aber auch die auf deutsch schwächeren Texte haben im Persischen unwiderstehliche Musikalität. Sie ist in der Übersetzung selten gut nachzuahmen, und die Äquivalente, die im neunzehnten Jahrhundert von Hammer-Purgstall oder Rückert für die persische Klassik erfunden wurden, haben die Originale schon damals eher verniedlicht.

          Kurt Scharfs Übersetzung von Esmail Kho’i, so unfrei sie manchmal ist, vermittelt genau deshalb einen getreueren Eindruck dieser Dichtung, als es Hammer-Purgstall mit Hafis gelang. Dass Kho’i die Goethes unserer Zeit ähnlich inspiriert, wagen wir nicht zu hoffen. Ob das aber an Kho’i liegt oder an unseren Goethes, das sollen die Leser entscheiden.

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