https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/es-rappelt-in-der-kiste-1250976.html

: Es rappelt in der Kiste

  • Aktualisiert am

Mancher wird schöner, wenn er älter wird. Das gilt auch für Romane. Die unübersehbaren Spuren ihres Alters, die aus der Mode gekommenen Wendungen, die einst aktuellen und nun unverständlich gewordenen Anspielungen, die merkwürdigen Geräte, mit denen hantiert, und die altmodischen Werte, die hochgehalten ...

          4 Min.

          Mancher wird schöner, wenn er älter wird. Das gilt auch für Romane. Die unübersehbaren Spuren ihres Alters, die aus der Mode gekommenen Wendungen, die einst aktuellen und nun unverständlich gewordenen Anspielungen, die merkwürdigen Geräte, mit denen hantiert, und die altmodischen Werte, die hochgehalten werden - all das Zeitgebundene und Kommentarbedürftige können dem großen Roman gar nichts anhaben, dank seines "Wahrheitsgehalts", wie Walter Benjamin das in seinem Aufsatz über Goethes "Wahlverwandtschaften" genannt hat.

          "Schweres Beben" ist der zweite Roman des auch in Deutschland mit "Korrekturen" berühmt gewordenen amerikanischen Schriftstellers Jonathan Franzen. Er erschien im Original bereits 1992, vier Jahre nach dem Debüt "Die siebenundzwanzigste Stadt". Dreizehn Jahre mag man auch in unserer turbokapitalistisch beschleunigten Gegenwart für keine lange Zeitspanne halten - und doch haftet dem Buch etwas Anachronistisches an, ein strenger Geruch der Achtziger, als man sich noch über junge Aufsteiger in Nadelstreifen erregte und Chemiekonzerne die Achse des Bösen schmierten. Das ist freilich, siehe Benjamin, nur ein Symptom - nämlich eines zeitgebundenen "Sachgehalts", der von keinem höheren Glanz zum Strahlen gebracht wird.

          Im Mittelpunkt des Romans steht der dreiundzwanzigjährige Louis Holland, ein ungeschmeidiger und gern aneckender Verlierertyp, der bei einem winzigen idealistischen Radiosender in Boston arbeitet, einen Yuppie auf zehn Meilen wittert und als enfant terrible seiner Familie gilt. Als seine wohlhabende Großmutter bei einem leichten, für die Region allerdings völlig ungewöhnlichen Erdbeben in ihrer Villa zu Tode stürzt, wird Louis mit lästigen Familienangelegenheiten behelligt, die er längst erledigt glaubte. Seiner Mutter fällt als Erbin ein großer Anteil am nahe gelegenen Chemiegiganten Sweeting-Aldren zu, und seine verhaßte Schwester Eileen versucht, ihr Stück vom Kuchen auf die Seite zu schaffen. Latente Familienkonflikte brechen auf, während zugleich weitere rätselhafte Beben die Gegend erschüttern und den Aktienkurs der Firma gefährden. Just zu dieser Zeit begegnet Louis Renée Seitchek, die zufällig als Seismologin am Geophysikalischen Institut in Harvard arbeitet, und ebenso zufällig stoßen die beiden, bald ein Paar, auf Hinweise darauf, daß Sweeting-Aldren an den Erdbeben schuld sein könnte: Die illegale Entsorgung von hochgiftigen Abwässern in tiefen Bohrlöchern soll die Erde aus dem Lot gebracht haben.

          Nicht nur in der Zusammenfassung klingt das nach ein paar Zufällen zuviel. Franzen bedient sich ungeniert genrehafter Elemente, ohne jedoch wirklich auf die Spannung eines Krimis zu spekulieren. Dafür nämlich weiß man viel zu früh, wie der Hase läuft, nämlich mitten über das hochgesicherte Werksgelände des, pardon, Schweinekonzerns, der nicht nur Napalm, Entlaubungsmittel und ähnliches herstellt, sondern auch noch die Umwelt verpestet - und so die heile Ostküstenwelt wortwörtlich ins Wanken bringt. Natürlich sind die rotgesichtigen, fettleibigen Herren in den teuren Anzügen am Ende wirklich die Fiesen. Natürlich schenkt die abgekochte Dame vom Umweltamt Renées Theorie keinen Glauben. Natürlich schrecken die Umweltsünder auch vor Mord nicht zurück. Und natürlich fliegt am Ende das ganze nach Gift stinkende Lügengebäude in die Luft.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die lokalen Stromverteilnetze könnten zum Engpass für die Energiewende werden.

          Energiewende : Mit Anreizen gegen die Stromrationierung

          Von Tesla bis Viessmann: Unternehmen wettern gegen die geplante Begrenzung der Stromversorgung für E-Autos und Wärmepumpen. Nun präsentieren sie Ideen, wie es ohne gehen könnte. Im Mittelpunkt stehen dabei die Verbraucher.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.