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: Es kommt doch alles heraus

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Ein klassischer Krimi ist immer ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Autor und Leser. Ersterer ist stets bemüht, falsche Fährten auszulegen, seine Hinweise unbemerkt zu plazieren und am Schluss einen bis dahin möglichst unwahrscheinlichen Verdächtigen als Täter zu entlarven. Sein Vorteil: Er bestimmt das Spielfeld, die Regeln und die Spielfiguren.

          Ein klassischer Krimi ist immer ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Autor und Leser. Ersterer ist stets bemüht, falsche Fährten auszulegen, seine Hinweise unbemerkt zu plazieren und am Schluss einen bis dahin möglichst unwahrscheinlichen Verdächtigen als Täter zu entlarven. Sein Vorteil: Er bestimmt das Spielfeld, die Regeln und die Spielfiguren. Dem Gegenspieler mit dem Buch in der Hand bleibt lediglich der eigene Verstand, um den Heimvorteil des Autors auszugleichen. Trotz dieser Ungerechtigkeit ist das Spiel seit seiner Entstehung beliebt und wird von jeder Lesergeneration aufs Neue gern gespielt.

          Gilbert Adair erweist sich als vermeintlich sehr fairer Gegner in dem Katz-und-Maus-Spiel zwischen Krimiautor und Krimilesern, in dem falsche Fährten gelegt und Spielfiguren nach Regeln verschoben werden, die allein Ersterer bestimmt. Er verrät den Lesern nämlich bereits früh, wie er sie zu täuschen gedenkt: "Kein Verbrechen also, bei dem der Mörder unentdeckt bleibt - so ein Buch kann es nicht geben, der Leser würde sein Geld zurückverlangen -, sondern ein Verbrechen, bei dem alles perfekt zusammenpasst, bei dem es weder zu viel noch zu wenig Beweismaterial zu verarbeiten gibt und bei dem die Aufdeckung des Mörders sich als ebenso folgerichtig wie unvorhersehbar erweist. Er kann es gar nicht sein, sagt man sich - aber zugleich kann es gar kein anderer sein." So sollte es eigentlich ein Leichtes sein, den neuen Fall in "Ein stilvoller Mord in Elstree" zu lösen. Besonders deshalb, weil auch im Folgeroman zu "Mord auf ffolkes Manor" (2006) wieder die Krimiautorin Evadne Mount und Chefinspektor a. D. Eustace Trubshaw ermitteln, denen diese Regel ebenfalls bekannt ist. Doch bevor es an die Aufklärung eines Mordes geht, lässt Adair das goldene Zeitalter des britischen Kriminalromans in all seiner Behaglichkeit im London des Jahres 1946 auferstehen.

          Rund zehn Jahre nach ihrem ersten und bislang einzigen gemeinsamen Fall treffen sich Eustace Trubshaw und Evadne Mount zufällig im Teesalon des Londoner Ritz Hotel wieder. Miss Mount, noch immer Bestsellerautorin, und der pensionierte Ermittler von Scotland Yard beschließen, den Abend gemeinsam mit einem Theaterbesuch zu verbringen. Die Hauptrolle der Benefizgala spielt Cora Rutherforde, eine bekannte Schauspielerin, die Evadnes beste Freundin und dem Inspektor bereits aus ffolkes Manor bekannt ist. Der Entschluss zum Abendessen zu dritt nach der Vorführung ist schnell gefasst. Doch die Nachricht vom Tod des gefeierten Filmregisseurs Alastair Farjeon ruiniert die Stimmung beim Dinner. Cora Rutherforde hatte in Farjeons kommender Produktion eine Rolle ergattert, mit der sie ihrer Karriere den dringend nötigen Anschub geben wollte. Bereits einige Tage später löst sich das Dilemma allerdings auf. Der Film wird weiterhin produziert, Farjeons Assistent sitzt nun auf dem Regiestuhl. Evadne Mount und Eustace Trubshaw nutzen die Gelegenheit für einen Besuch der gemeinsamen Freundin am Filmset. In ihrer großen Szene jedoch bricht Cora Rutherforde vor laufender Kamera tot zusammen. Der Chefinspektor außer Dienst und die Krimiautorin lassen es sich nicht nehmen, die Polizei zu unterstützen. Schnell haben sie sechs Verdächtige identifiziert, die Gelegenheit, aber kein Motiv hatten. Dagegen hatten alle ein Motiv für ein anderes Verbrechen, zu dem sie allerdings keine Gelegenheit hatten.

          Gilbert Adair zeigt hier erneut, wie unterhaltsam postmoderne Literatur sein kann. Während seine Protagonistin im Tweedkostüm der Polizei ungehindert unter die Arme greift, verbeugt ihr Schöpfer sich mit jeder dieser Szenen schmunzelnd, aber stets respektvoll vor den Altmeistern des Genres, allen voran Agatha Christie, deren mittlerweile leicht angestaubten Erzählkonventionen die Adairsche Neuauflage einen liebenswerten nostalgischen Glanz verleiht. Er imitiert diese Formen und lässt seine Charaktere über sie reflektieren - nicht umsonst ist Miss Mount erfolgreiche Krimiautorin und Konkurrentin von Frau Christie -, um sie dann selbst spielerisch aufzugreifen und zu variieren. "Trotzdem gilt die eiserne Regel - ein wichtiger Bestandteil des Paktes zwischen Autor und Leser -, dass auf den ersten zwanzig bis dreißig Seiten eines Buches ein Mord oder zumindest ein Mordversuch begangen werden muss", doziert Evadne Mount und weist damit gleichzeitig darauf hin, dass ihr eigener Erfinder diese Regel offensichtlich ausgehebelt hat. Denn es kommt auf den ersten einhundert Seiten scheinbar zu keinem Mord.

          Seiner Mischung aus Pastiche und postmoderner Brechung mischt Adair fast beiläufig Anspielungen auf die Filmwelt der Nachkriegszeit unter. So kann man in Alastair "Farch" Farjeon einen verzerrten Alfred "Hitch" Hitchcock entdecken, im französischen Filmtheoretiker Philippe Françaix den Regisseur und Kritiker François Truffaut und in Evadne Mounts Ansichten zum Film die "Politique des auteurs", die die "Cahiers du Cinéma" erst im folgenden Jahrzehnt entwickeln sollte. Doch selbst wenn man keinen einzigen dieser Verweise entdecken sollten, tut dies dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Denn dieser Roman ist gleich zweifach gelungen - postmodern und kriminalistisch.

          THOMAS SCHOLZ

          Gilbert Adair: "Ein stilvoller Mord in Elstree". Eine Art Kriminalroman. Aus dem Englischen übersetzt von Jochen Schimmang. C. H. Beck Verlag, München 2007. 304 S., geb., 18,90 [Euro].

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