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: Es kommen wieder bessere Zeiten

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Im italienischen Kommissariat der internationalen Krimi-Mordkommission deckt Proteo Laurenti den kargen und fernen Nordosten ab. Anders als der kantenfreie Familienmensch Brunetti in Donna Leons Phantasie-Venedig und der sizilianische Macho Montalbano von Andrea Camilleri ist Laurenti, Vizequestore der Triestiner Polizei, ein Mann an der Grenze.

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          Im italienischen Kommissariat der internationalen Krimi-Mordkommission deckt Proteo Laurenti den kargen und fernen Nordosten ab. Anders als der kantenfreie Familienmensch Brunetti in Donna Leons Phantasie-Venedig und der sizilianische Macho Montalbano von Andrea Camilleri ist Laurenti, Vizequestore der Triestiner Polizei, ein Mann an der Grenze. Das gilt natürlich zuvörderst für seine faszinierende Stadt, die eingezwängt zwischen Adria und Karst förmlich auf dem Zaun zwischen Italien und Slowenien liegt und dem Comissario bereits zwei Romane lang genug Sorgen mit Menschen-, Waffen- und Drogenhandel der Adria-Connection machte.

          Zudem erweist sich Laurenti auch in diesem dritten Krimi als grenzwertiger Hasardeur, der die Liebe zu seiner blonden Schönheit Laura durch eine Affäre mit einer attraktiven kroatischen Staatsanwältin aus dem istrischen Pula aufs Spiel setzt, es sich durch Unkonventionalität und Brüskheit mit Vorgesetzten, Untergebenen und Politikern mächtig verdirbt. Und steht nicht auch der Autor dieser Triest-Krimis selbst auf der Grenze? Veit Heinichen, der aus dem deutschen Verlagswesen auf den Karst umzog und seit 1999 die Charakteristika seiner Wahlheimat so liebevoll wie unerbittlich beobachtet, ist Ausländer und Innenstädter gleichermaßen.

          Denn Triest liegt vielleicht am äußersten Rand Italiens, doch ist es keine italienische Stadt. Mit einer starken slowenischen Minderheit, geprägt vom Vielvölkergemisch, einer einstmals starken jüdischen Minderheit und der beeindruckenden architektonischen Hinterlassenschaft des Habsburgerreiches wurde es zu einer uniquen Kombination von untergegangener Weltstadt und vegetierendem Randgebiet. Dergleichen Antagonismen und Apokalypsen haben immer schon Literaten angeregt, in Triest immerhin Leute vom Rang eines Svevo, Joyce, Däubler, aber auch auffallend häufig modernere italienische Autoren wie Saba, Tomizza, Bettiza, Rumiz (der im Roman versteckt auftritt) und vor allem Claudio Magris.

          "Tod auf der Warteliste" ist denn auch wie die vorhergehenden Abenteuer Proteo Laurentis gespickt mit Anspielungen auf die geistige Geschichte, auf die literaturgesättigte Stimmung des mitteleuropäischen Triest. Hinzu kommen kenntnisreiche Küchentests dieser slawisch-romanischen Grenzküche, aufgewertet durch die feintrockenen Tropfen vom Karst, die den Triestinern förmlich in die Vorgärten wuchern. Heinichen kennt und genießt das alles und wird dadurch zu einem großartigen Vermittler italienischer Lebensart weitab von Adria-Strandgegröle, aber auch von Toskana-Teutonismus.

          Man kann diesen Krimi natürlich auch einfach nur als Krimi lesen, als eine höchst professionell und spannend erzählte Geschichte um skrupellose Mediziner, die aus Geldgier in ihrer exklusiven Schönheitsklinik illegale Organtransplantationen vornehmen und dabei rumänische Nierenspender übers Skalpell springen lassen. Auf der Warteliste der vor sich hin siechenden Festungsbewohner in Europa stehen die Organe verzweifelter Habenichtse aus dem riesigen Armutsgürtel, der schon bald östlich von Triest beginnt.

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