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: Es ist die Kunst, die das Leben ausmacht

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Schönheitssüchtige haben es fast so schwer wie Wahrheitsfanatiker. Von nichts so beeindruckt und angezogen wie von Ebenmaß, stimmigen Proportionen und exquisiten Materialien, müssen sie ihre Fixierung doch tunlichst unterdrücken, um nicht für dekadent oder hemmungslos hedonistisch gehalten zu werden.

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          Schönheitssüchtige haben es fast so schwer wie Wahrheitsfanatiker. Von nichts so beeindruckt und angezogen wie von Ebenmaß, stimmigen Proportionen und exquisiten Materialien, müssen sie ihre Fixierung doch tunlichst unterdrücken, um nicht für dekadent oder hemmungslos hedonistisch gehalten zu werden. Zudem sind sie gefährdet, jederzeit verführbar durch die Raffinesse eines Dekors, die schlanke Silhouette eines Halses oder von der subtilen Eleganz einer Konversation. Ihre sinnliche Empfänglichkeit bestimmt, wo und in wessen Gesellschaft sie sich am liebsten aufhalten, oft selbst dann noch, wenn der gesunde Menschenverstand bereits Alarm schlägt. Jene hingegen, die sich der Wahrheit verschrieben haben, stoßen von jeher ihre Umwelt vor den Kopf - und finden nicht selten sogar eine gewisse Befriedigung darin, unbequeme, bloßstellende Erkenntnisse auszuteilen.

          In Alan Hollinghursts Roman "Die Schönheitslinie" gibt es beides, einen Schönheitssüchtigen von schier unbegrenzter Genußfähigkeit und eine Wahrheitsfanatikerin, die mit Feuereifer zu Werke geht. Das Buch, das man mit Fug und Recht als den großen englischen Roman über die Ära Thatcher bezeichnen kann, erzählt eine Geschichte von Politik, Geld und Sex, von der betörenden, korrumpierenden Suche nach Schönheit, die mit der Wahrheit kollidiert. Dieses Sittenbild erreicht uns gefiltert durch die gierigen Augen des Ästheten Nick Guest, dessen Geschmack so vorzüglich ist wie sein Verhalten fragwürdig.

          Wir schreiben das Jahr 1983. Margaret Thatcher ist soeben triumphal wiedergewählt worden. Den Oxford-Abschluß frisch in der Tasche, zieht der zwanzigjährige Nick Guest in das imposante Londoner Heim der Familie seines Studienfreundes Toby Fedden. Dessen Vater Gerald ist noch ganz benommen von seiner brandneuen Bedeutung als Abgeordneter der Konservativen. Eigentlich soll Nick, der an seiner Doktorarbeit über die Ästhetik von Henry James sitzt, die Residenz der Feddens den Sommer über hüten und dazu ein wachsames Auge auf die labile Tochter Catherine haben, die eine besorgniserregende Neigung zu Selbstverstümmelung und brutaler Ehrlichkeit hat. Die Rebellin gegen die Konvention wird seine Eingeweihte und Komplizin. Denn Nick ist vollauf mit sich selbst beschäftigt: In jenem Sommer macht er erste Erfahrungen mit Drogen, mit Reichtum und vor allem mit schwulem Sex.

          Alan Hollinghurst läßt Nick langsam in die schöne hohle Welt der Altwichtigtuer und Neureichen eintauchen. Als wir ihm im zweiten Teil drei Jahre später wiederbegegnen, ist die Neuheit des Wohlstands verflogen, nicht aber die berauschende Erfahrung der eigenen erotischen Anziehungskraft auf andere Männer. Nick ist vom geduldeten Anhängsel der Feddens zum ergebenen Quasifamilienmitglied geworden und bewegt sich in gesellschaftlichen Kreisen, die er als Junge nur aus der unterwürfigen Perspektive seines Vaters kannte, eines Antiquitätenhändlers, der vor allem dann in herrschaftliche Häuser gerufen wurde, wenn dort ein Möbel abzuliefern oder eine Uhr zu reparieren war. Die wachsame Geschmeidigkeit, die Nick bei seinem sozialen Aufstieg an den Tag legt, erinnert an Charles Ryder aus Evelyn Waughs "Brideshead Revisited", der ebenfalls in den Bann einer einflußreichen Familie gerät, doch anders als Charles ist Nick nicht von Wehmut über den unaufhaltsamen Untergang einer aristokratischen Welt erfüllt, sondern eher von selbstgefälligem Opportunismus.

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