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Dmitrij Kapitelmans Erzählung : Die Migration hört eigentlich nie auf

„Ja okay, die Landsleute hier kennen den Ausdruck entsorgen überhaupt nicht.“ Kiew bei Nacht. Bild: AP

Ein Fall von produktivem Befremden: Dmitrij Kapitelman erzählt in „Eine Formalie in Kiew“ urkomisch von einer Reise in die Heimat seiner Familie.

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          In Leipzig gibt es ein russisches Spezialitätengeschäft namens „Magasin“ (das russische Wort für ein Ladenlokal), an dem ich häufig vorbeigekommen bin. Als vor fünf Jahren Dmitrij Kapitelmans Debüt „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ erschien, die umwerfend komische Schilderung einer gemeinsamen Reise von Vater und Sohn nach Israel, konnte man darin auch erfahren, dass seine Eltern nach ihrer Ausreise aus der Ukraine im Jahr 1994 ein Geschäft mit dem Namen „Magasin“ in Leipzig eröffnet hatten.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Seitdem ging ich mit erneuertem Interesse am Schaufenster vorbei, bestaunte fortan allerdings eher die Betreiber als die Auslagen – was einiges heißen will, schließlich war unter Letzteren lange Zeit auch eine wodkagefüllte gläserne Kalaschnikow in Originalgröße. Kapitelmans Publikation aber habe ich nie dort ausliegen gesehen. Dann schloss das Geschäft, und es zog eine Buchhandlung ein. Ironie des Schicksals?

          Frau Kunze hat's gewusst

          Nun hat Kapitelman sein zweites Buch veröffentlicht: wieder eine Reiseschilderung, wieder ist er gemeinsam mit seinem Vater unterwegs, wieder ist es urkomisch, und wieder erfährt man auch manches über die Leipziger Jugend des Autors. Und doch ist diesmal vieles anders. War die Israel-Fahrt eine späte Reise auf den Spuren eines schon früh gescheiterten Plans – Kapitelmans Vater ist Jude, entschied sich aber 1994 aus praktikablen Gründen (Kapitelmans Mutter ist keine Jüdin) für Deutschland als Auswanderungsziel –, war der 2019 durchgeführte Ausflug nach Kiew eine Heimkehr: Hier wurde Dmitrij Kapitelman 1986 geboren.

          Doch die Rückkehr mehr als drei Jahrzehnte später hatte keinen sentimentalen Anlass, sondern musste erfolgen, um eine Bescheinigung der dortigen Behörden zu erhalten, die für die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft nötig ist. „Joa“, sagt Frau Kunze, Kapitelmans Sachbearbeiterin im Leipziger Einwohnermeldeamt in schön transkribiertem Sächsisch, „üm den Ümgang mid den ukrainisch’n Behörd’n beneide ich Sie ooch nisch.“ Wie man dann im Laufe von 176 Seiten erfährt, war das noch eher euphemistisch ausgedrückt.

          Die Sprache des Postsozialismus

          Es geht Kapitelman stark ums Sprachliche. Nicht nur, dass er sächsischen Zungenschlag gut schriftlich zu imitieren weiß, er liefert in seinem Buch auch eine Sprachphänomenologie des Postsozialismus. Und das nicht in platt denunziatorischer Weise, sondern satirisch zugespitzt vor allem über seine Eigenschaft als Doppelsprachler: Acht Lebensjahre in Kiew haben für die Beherrschung des Russischen gesorgt und danach ein Vierteljahrhundert in Deutschland für dessen Vernachlässigung, die nun bei der Wiederauffrischung konstruktives Befremden auslöst.

          Paradebeispiel im Buch ist die Wendung „Obtlagodari“, ein Synonym für Bestechung, das Kapitelman wörtlich mit „Man entdankt sich“ übersetzt. Aus diesem deutschen Neologismus macht er einen Running Gag seines Kiewer Aufenthalts und sorgt damit selbst für eine positive Form der Bereicherung: Seine hiesigen Leser dürften kaum umhinkommen, „entdanken“ in ihren Wortschatz aufzunehmen.

          Und nachzudenken über ähnliche, ihnen aber altvertraute und somit gar nicht fragliche Wendungen der eigenen Sprache wie etwa „entsorgen“. „Ja okay“, schreibt Kapitelman im typisch mündlichen Erzählduktus seines Buchs, „die Landsleute hier kennen den Ausdruck entsorgen überhaupt nicht.“ Hier – das bedeutet diesmal in der Ukraine. Und man kann sich vorstellen, wie diese Landsleute staunen würden, wenn Kapitelman ihnen wiederum das deutsche Wort „entsorgen“ wörtlich übersetzte.

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