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Judith Schalanskys Erzählungen : Sie lavierten bis zum Morgengrauen

Judith Schalansky knüpft an den eigenen Matrosenroman von vor zehn Jahren an. Bild: Picture-Alliance

Judith Schalanskys Erzählungssammlung widmet sich dem Verlust. Zu gewinnen ist dabei Literatur, wie man sie sonst nur selten findet.

          Worum handelt es sich bei diesem Buch? Vom Verlag wird Judith Schalanskys „Verzeichnis einiger Verluste“ keinem Genre zugewiesen, aber schon vor Erscheinen hat es den Wilhelm-Raabe-Preis zugesprochen bekommen, eine der renommiertesten literarischen Auszeichnungen in Deutschland, die in den zehn Jahren zuvor ausschließlich an Romane vergeben wurde. Die Jury spricht von „sehr heterogenen Texten“, aber sie vermeidet die Bezeichnung „Erzählungen“. Judith Schalansky selbst tut das nicht. Man muss dazu allerdings bis zur allerletzten Seite des Buchs kommen, dem Bild- und Quellenverzeichnis. Da heißt es zu einem der Texte: „Diese Erzählung ist eine Montage.“ Die anderen sind das nicht, aber es sind alles Erzählungen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Und zwar Erzählungen, die einem Formprinzip gehorchen, das von anderer Gestalt ist, als man es gemeinhin vermutet. Wenn man aber weiß – und man kann es dem wunderschön gesetzten und gebundenen „Verzeichnis einiger Verluste“ wieder einmal ansehen –, dass die Schriftstellerin Judith Schalansky auch Buchgestalterin ist, dann wird man auf die Symmetrie dieses Werks aufmerksam. Etwa darauf, dass sämtliche zwölf darin enthaltenen Erzählungen exakt die gleiche Seitenzahl aufweisen (sechzehn).

          Heimat in der Hafenstadt

          Und auch das Vorwort hat diesen Umfang. Das Schreiben der ach so heterogenen Texte unterlag also einer strengen Vorgabe, die sich dem erschließt, der das gesamte Buch nicht nur als ein anthologisches Verlustverzeichnis betrachtet, sondern als ein weiteres Kapitel seiner selbst. Zusammen mit Vorwort, Vorbemerkung, Personen- und Quellenverzeichnis besteht „Verzeichnis einiger Verluste“ nämlich wiederum aus sechzehn Abschnitten. Und wovon es als Ganzes erzählt, ist auch ein Verschwinden, das desto schmerzlicher auffällt, je mehr man die Sorgfalt bewundert, mit der hier alles abgerundet wurde: dem der guten Buchgestaltung.

          In jeder Hinsicht ist „Verzeichnis einiger Verluste“ eine Summa des noch jungen Lebens der 1980 geborenen Judith Schalansky. Ein autobiographisches Buch etwa, in dem vier Erzählungen die Ich-Perspektive der Autorin einnehmen, wovon zwei wiederum in ihre Heimatregion führen: das Land um die vorpommersche Hafenstadt Greifswald. Darunter der poetischste Text, „Hafen von Greifswald“, der aus den Eindrücken dreier Spazier- oder, besser: Erkundungsgänge entlang des Flüsschens Ryck besteht, das diesen Hafen speist.

          Judith Schalansky: „Verzeichnis einiger Verluste“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018.

          Was dabei als verloren thematisiert wird, ist ein der Erzählung seinen Titel gebendes Gemälde von Caspar David Friedrich, das 1931 verbrannte, doch es ist nur der Auslöser einer Natur- und Kulturlandschaftsbeschreibung von höchster Konzentration und Präzision. Was hier gewonnen wird – und in jeder der zwölf Erzählungen wird viel mehr gewonnen als verloren –, ist ein Erzählton, der Judith Schalansky selbst zur wichtigsten aktuellen Protagonistin jenes Literaturzweigs macht, den sie jüngst beinahe im Alleingang für Deutschland wiederbelebt hat: das nature writing, verkörpert in der von ihr herausgegebenen Reihe „Naturkunden“ im Verlag Matthes & Seitz.

          Nicht nur in der trügerischen Erinnerung

          Dazu ein Beispiel aus einer anderen Erzählung, eine vollkommene Passage, gewonnen aber nicht aus eigener Anschauung, sondern aus Archivstudien: „Bis zum Untergang der Sonne steuerten die Schiffe auf den unbekannten, in der Ferne pulsierenden Streifen Land zu und lavierten die ganze Nacht bis zum Morgengrauen, in dem sie sich der Insel auf etwa vier Meilen genähert hatten, deren Südseite im Licht der aus den Fluten steigenden Sonne ein erschütternd liebreizendes Bild geboten haben muss. Vom überirdischen Anblick aufs Tiefste berührt, griffen gleich mehrere Besatzungsmitglieder zu Pinsel und Feder, um das verheißungsvolle Panorama mit wässrigen Farben und mehr oder weniger geübten Strichen nicht nur in der trügerischen Erinnerung zu bewahren.“ Allein schon die Verwendung des nautischen Begriffs „lavieren“, kurz bevor dann unausgesprochen beim Zeichnen laviert wird, zeigt das ganze sprachzauberische Vermögen Judith Schalanskys.

          Ihre Tonfälle aber variieren, und das entgegengesetzte Extrem stellt die Erzählung zu den verlorenen Versen der griechischen Dichterin Sappho dar, in jeder Hinsicht das Herzstück des Buchs, obwohl hier de forma ein durch Einteilung in kurze thetische Abschnitte zu rhythmischem Stakkato getriebener Essay zu lesen ist. Er singt ein Loblied auf die Liebe unter Frauen – ein Motiv, das Schalansky in ihrem bislang schönsten Buch, dem kleinen Roman „Blau steht dir nicht“ von 2008, durch androgyne Figuren schon einmal anklingen ließ und nun in einem weiteren Kapitel ihres neuen Buchs auf einen grotesken Höhepunkt führt: in einem inneren Monolog, einer Suada, die von Schalansky dem großen Filmstar Greta Garbo in den Kopf gelegt wird – ausgehend von dem verlorenen Debütfilm des von der Garbo bewunderten Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau. „Der Knabe in Blau“ hieß dieser Film und heißt nun die Erzählung. Über die Farbe knüpft Schalansky an den eigenen Matrosenroman von vor zehn Jahren an.

          Schauplatz des Weltgeschehens

          Quer durchs Buch spürt man die Faszinationen seiner Verfasserin, sei es für ferne Eilande, wie es sich schon im ersten Erfolg dieser Schriftstellerin, dem 2009 erschienenen, mehrfach aufgelegten und in zahlreiche Sprachen übersetzten „Atlas der abgelegenen Inseln“ gezeigt hat, sei es für eine mentalitätskundlich-fiktionale Erkundung des Lebens in der DDR, wie sie sie in ihrem bislang größten Erfolg, dem 2011 erschienen Roman „Der Hals der Giraffe“, betrieben hat. Die Erzählung, die nun daran anknüpft, heißt „Palast der Republik“ und ist von atemraubender Prägnanz.

          Die „Atlas“-Stimmung dagegen findet sich in der Auftakterzählung „Tuanaki“ über ein im neunzehnten Jahrhundert nach einem Seebeben untergegangenes Atoll wieder: „Noch ein letztes Mal fiel mein Blick auf den blassblauen Globus. Schnell fand ich die Position. Genau dort, südlich des Äquators, zwischen ein paar verstreuten Inseln, hatte dieses vollkommene Stück Land gelegen, abseits der Welt, von der es alles, was es einmal wusste, vergessen hatte. Die Welt aber trauert nur um das Bekannte und ahnt nicht, was ihr mit jener winzigen Insel verlorenging, obgleich die irdische Kugelgestalt es diesem verlorenen Flecken ebenso gestatte hätte, ihr Nabel zu sein, auch wenn ihn nicht das feste Tauwerk des Handels und der Kriege, sondern das ungleich feiner gesponnene Garn eines Traumes mit ihr verband. Denn der Mythos ist die höchste aller Wirklichkeiten und, so dachte ich für einen Moment, die Bibliothek der wahre Schauplatz des Weltgeschehens.“

          Gewiss gilt das für eine Bibliothek, in die Judith Schalanskys neues Buch zu stehen kommt.

          Judith Schalansky: „Verzeichnis einiger Verluste“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 252 S., 12 Abb., geb., 24,- Euro.

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