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Erwin Mortier: Götterschlaf : In den Schützengräben verrät sich der Mensch

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Die soziale Dressur mündet in den Weltkrieg: Der belgische Schriftsteller Erwin Mortier schildert auf bemerkenswerte Weise ein exemplarisches Frauenschicksal des zwanzigsten Jahrhunderts.

          4 Min.

          Dieser Roman aus Belgien ist ein Buch zum Staunen. Es führt uns tief in den Alltag des Ersten Weltkriegs hinein, und dies so eindrucksvoll, als habe der Autor Erwin Mortier jene Zeit selbst erlebt. Aber er kam erst Jahrzehnte später zur Welt, nämlich 1965. Die Kriegsgeschichten wiederum werden aus der Vita einer weiblichen Hauptperson entwickelt, und zwar mit einem derartigen Einfühlungsvermögen, dass man sich verblüfft fragt, wie ein männlicher Erzähler dazu kommt. Haben wir es vielleicht mit einem ausgebildeten Psychologen zu tun? Offenbar nicht, denn die Hinweise im Klappentext des Verlages ordnen ihm die Qualifikationen Kunsthistoriker, Schriftsteller und Journalist zu. Da bleibt uns nichts als die beglückende Einsicht, dass manche Literaten sich ebenso intensiv wie erfolgreich um die Anforderungen zu kümmern wissen, die ihr Stoff und dessen Hintergründe an sie stellen.

          Wacher Geist

          Die Romanheldin, die von sich und von jenem ersten europäischen Wahnsinn des zwanzigsten Jahrhunderts berichtet, heißt Helena und ist teils flämischer, teils französischer Abstammung, hat also alles Wesentliche zu bieten, was eine Belgierin ausmacht. Wenn wir ihr zum ersten Mal begegnen, hat sie schon neunzig Lebensjahre hinter sich und ist bettlägerig, denn ihr Körper gehorcht ihr nicht mehr. Ihr Geist aber durchaus, wie man den Aufzeichnungen entnehmen kann, die sie einer Fülle von Schreibheften anvertraut. Es ist nicht immer genau zu unterscheiden, ob ihre Mitteilungen im gegebenen Moment aus dem Text dieser Hefte kommen oder Teil der Gespräche sind, die sie mit ihrer marokkanischen Pflegerin Rachida führt. Doch das stört überhaupt nicht. Was die alte Dame auch äußert und in welchem Zusammenhang sie es jeweils tut, stets antwortet sie auf Fragen, die nicht nur ihr Leben aufgeworfen hat, sondern auch das unsrige. Denn wo in Europas Ländern gibt es Menschen, deren Dasein nicht irgendwie beeinflusst wurde von dem Stück Weltgeschichte, das für Helena einst Gegenwart war?

          Dabei ist die Hauptfigur alles andere als eine Oberlehrerin. Sie denkt sich zurück in ihre Vergangenheit, um jene Zeit und alles, was daraus erwuchs, besser verstehen zu können. Ein Ziel, das sie nur unvollkommen erreicht. Das an ihrer Stelle auch wir vermutlich weitgehend verfehlen würden. Dennoch lohnt der Gewinn, den Helena erzielt, die Mühen der superlangen Lebensbeichte: Von Seite zu Seite kommt sie sich näher und endet im Einverständnis mit sich und dem, was sie tat oder was ihr zugefügt wurde. Wenn sie uns adieu sagt – und das wird, wie jedem einleuchten muss, ein endgültiger Abschied sein –, dann hat sie ihr Ich, ihr Dasein und dessen besondere Umstände akzeptiert. Kann es einen größeren Sieg geben nach all den Kämpfen eines Menschenlebens?

          Im Korsett der Zeit

          Uns aber, ihrem Publikum, hinterlässt sie Geschichten, die wir mit Anteilnahme und wachsender Einfühlung lesen. Wir begegnen zunächst einem jungen Mädchen, hübsch und gescheit, aber eingeengt von den Anforderungen einer Gesellschaft, die jedem seinen Platz zuweist und keinem erlaubt, sich über die herrschenden Sitten und Meinungen hinwegzusetzen. Das gilt auch für die übrige Familie: Helenas Mutter, die nicht nur körperlich eingeschnürt ist vom Korsett der damaligen Damenmode; den Vater, der die Seinen zwar liebt, seine männlichen Vorrechte aber nie auf Frau und Tochter übertragen würde; einen Bruder, der sich am Vater orientieren darf, es aber nicht so recht schafft, weil er seine Homosexualität vor jedermann verbergen muss.

          In diese Welt der tausend Kulissen platzen mit einem Mal die Geschosse des Ersten Weltkrieges. Manchem der damaligen Zeitgenossen scheinen sie nicht bloß Schrecken zu bringen, sondern auch eine, wenn auch gewaltsame Erlösung von vielen Fesseln. Aber schnell wird deutlich, dass dieser Krieg aus demselben Boden wuchs wie die Vorurteile, Einengungen, Inhumanitäten des Alltags. Schlimmer noch: dass alle diese Abgründe, im Militärischen wie im Zivilen, Zeugnis ablegen für die Unfähigkeit der Kreatur Mensch, mit dem Geschenk ihres Daseins klug umzugehen. Die Erzählerin Helena, auf ihrem Greisenlager in den Anblick alter Schreckensfotos vertieft, kommentiert das ebenso niederdrückend wie einleuchtend: „Jeder Frieden ist nur die Periode zwischen zwei Kriegen.“

          Nicht bloß eine Frauengeschichte

          Dennoch serviert die alte Dame uns nicht bloß Tränengeschichten. Immerhin erlebte das Mädchen, das sie einst war, die Zeit der Greuel auch als Phase einer wenn auch nur vorübergehenden, Befreiung. Plötzlich wurde sie nämlich gebraucht, und das nicht nur zum Häkeln oder Teekochen. Helena lernt einen britischen Fotografen kennen, der die Medien jener Zeit mit Bildern vom großen Krieg versorgt, wird seine unentbehrliche Assistentin, am Ende auch seine Frau. So wie vorher das Schlachtengetümmel, so scheint danach die Ehe ein Zaun zu sein gegen lästige Ansprüche, wie die Gesellschaft, wie Vater und Mutter sie vertreten. Aber eigentlich hätte der Ehebund zu Besserem taugen sollen, und das tut er nicht, wie sich in den Nachkriegsjahren herausstellt. An diesem Misslingen ist Helena durchaus beteiligt. Sie hat begriffen, dass ihre frühe Dressur nicht gut für sie war, aber nie ganz herausgefunden, was sie an deren Stelle setzen sollte. Als sie wenigstens teilweise über sich selbst bestimmen kann, langt es nicht für die Doppelrolle der selbstbewussten Liebenden, auch nicht, wie sie sich eingestehen muss, für den Triumph einer besseren Mutter, die der eigenen Tochter zu geben weiß, was ihr selbst vorenthalten blieb.

          Der Verlag nennt das Buch die „exemplarische Geschichte eines Frauenlebens im 20. Jahrhundert“. Das trifft zweifellos zu, reicht aber nicht aus, um den Roman in jeder Zeile zu verstehen. Ganz gleich, warum der Autor Erwin Mortier diese Helena als Trägerin für seine Darlegungen ausgesucht hat, es wäre falsch, seine Absichten nur in der Auseinandersetzung mit ihrer Frauenrolle zu sehen. Wir kommen dem Kern des Erzählwerkes wohl näher, wenn wir davon ausgehen, dass dieses Mädchen die ganze Epoche repräsentieren soll. Helena öffnet uns die Tür zu einer Gesellschaft, die auf fatale Art Opfer ihrer Sturheiten wird. Die Beschränktheiten jener Zeit werden mit deren politischen Gegebenheiten kombiniert, und am Ende steht die Erkenntnis, dass historische und persönliche Voraussetzungen sich vermählen und mörderische Ereignisse gebären können. Infolgedessen ist dieser Roman eher eine exemplarische Geschichte vom Ursprung der Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Die soziale Dressur mündet in den Weltkrieg: Der belgische Schriftsteller Erwin Mortier schildert auf bemerkenswerte Weise ein exemplarisches Frauenschicksal des zwanzigsten Jahrhunderts. Unsere Rezensentin Sabine Brandt ist begeistert und findet vor allem staunenswert, wie überzeugend sich der Autor in seine weibliche Hauptfigur hineinfühlen kann.

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