https://www.faz.net/-gr3-6k2uk

Erwin Mortier: Götterschlaf : In den Schützengräben verrät sich der Mensch

  • -Aktualisiert am

In diese Welt der tausend Kulissen platzen mit einem Mal die Geschosse des Ersten Weltkrieges. Manchem der damaligen Zeitgenossen scheinen sie nicht bloß Schrecken zu bringen, sondern auch eine, wenn auch gewaltsame Erlösung von vielen Fesseln. Aber schnell wird deutlich, dass dieser Krieg aus demselben Boden wuchs wie die Vorurteile, Einengungen, Inhumanitäten des Alltags. Schlimmer noch: dass alle diese Abgründe, im Militärischen wie im Zivilen, Zeugnis ablegen für die Unfähigkeit der Kreatur Mensch, mit dem Geschenk ihres Daseins klug umzugehen. Die Erzählerin Helena, auf ihrem Greisenlager in den Anblick alter Schreckensfotos vertieft, kommentiert das ebenso niederdrückend wie einleuchtend: „Jeder Frieden ist nur die Periode zwischen zwei Kriegen.“

Nicht bloß eine Frauengeschichte

Dennoch serviert die alte Dame uns nicht bloß Tränengeschichten. Immerhin erlebte das Mädchen, das sie einst war, die Zeit der Greuel auch als Phase einer wenn auch nur vorübergehenden, Befreiung. Plötzlich wurde sie nämlich gebraucht, und das nicht nur zum Häkeln oder Teekochen. Helena lernt einen britischen Fotografen kennen, der die Medien jener Zeit mit Bildern vom großen Krieg versorgt, wird seine unentbehrliche Assistentin, am Ende auch seine Frau. So wie vorher das Schlachtengetümmel, so scheint danach die Ehe ein Zaun zu sein gegen lästige Ansprüche, wie die Gesellschaft, wie Vater und Mutter sie vertreten. Aber eigentlich hätte der Ehebund zu Besserem taugen sollen, und das tut er nicht, wie sich in den Nachkriegsjahren herausstellt. An diesem Misslingen ist Helena durchaus beteiligt. Sie hat begriffen, dass ihre frühe Dressur nicht gut für sie war, aber nie ganz herausgefunden, was sie an deren Stelle setzen sollte. Als sie wenigstens teilweise über sich selbst bestimmen kann, langt es nicht für die Doppelrolle der selbstbewussten Liebenden, auch nicht, wie sie sich eingestehen muss, für den Triumph einer besseren Mutter, die der eigenen Tochter zu geben weiß, was ihr selbst vorenthalten blieb.

Der Verlag nennt das Buch die „exemplarische Geschichte eines Frauenlebens im 20. Jahrhundert“. Das trifft zweifellos zu, reicht aber nicht aus, um den Roman in jeder Zeile zu verstehen. Ganz gleich, warum der Autor Erwin Mortier diese Helena als Trägerin für seine Darlegungen ausgesucht hat, es wäre falsch, seine Absichten nur in der Auseinandersetzung mit ihrer Frauenrolle zu sehen. Wir kommen dem Kern des Erzählwerkes wohl näher, wenn wir davon ausgehen, dass dieses Mädchen die ganze Epoche repräsentieren soll. Helena öffnet uns die Tür zu einer Gesellschaft, die auf fatale Art Opfer ihrer Sturheiten wird. Die Beschränktheiten jener Zeit werden mit deren politischen Gegebenheiten kombiniert, und am Ende steht die Erkenntnis, dass historische und persönliche Voraussetzungen sich vermählen und mörderische Ereignisse gebären können. Infolgedessen ist dieser Roman eher eine exemplarische Geschichte vom Ursprung der Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts.

Die soziale Dressur mündet in den Weltkrieg: Der belgische Schriftsteller Erwin Mortier schildert auf bemerkenswerte Weise ein exemplarisches Frauenschicksal des zwanzigsten Jahrhunderts. Unsere Rezensentin Sabine Brandt ist begeistert und findet vor allem staunenswert, wie überzeugend sich der Autor in seine weibliche Hauptfigur hineinfühlen kann.

Weitere Themen

Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

Topmeldungen

Jens Spahn vergangene Woche auf dem Weg in die Bundespressekonferenz

Urlaubsrückkehrer : Testpflicht könnte zum 1. August kommen

Der Druck aus den Ländern war immer größer geworden. Nun hat das Ministerium von Jens Spahn offenbar einen Verordnungsentwurf erarbeitet, der eine Testpflicht für Reiserückkehrer von Anfang August an vorsieht.
In Pflege: Das Ehrengrab der Volksschauspielerin Liesel Christ auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.

Grabpflege und Erinnerung : Wer seine Künstler nicht ehrt

Auf Friedhöfen wird es leerer. Man kann dort Filme sehen oder Gymnastik machen. Und wer kümmert sich um Ehrengräber? Auch Frankfurt hatte einen Fall wie jetzt Berlin mit Oskar Loerke.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.