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: Erstgeborener müßte man sein

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Péter Esterházys vielgerühmter, vor vier Jahren auf deutsch erschienener Roman "Harmonia Caelestis" (F.A.Z. vom 9. Oktober 2001) ruht auf den ausufernden Erinnerungen eines Ich-Erzählers. Dreihundert Jahre zurückliegende Ereignisse sind diesem scheinbar genauso präsent wie jüngste Begebenheiten, und jeder der Vorväter rückt in die gleiche Distanz.

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          Péter Esterházys vielgerühmter, vor vier Jahren auf deutsch erschienener Roman "Harmonia Caelestis" (F.A.Z. vom 9. Oktober 2001) ruht auf den ausufernden Erinnerungen eines Ich-Erzählers. Dreihundert Jahre zurückliegende Ereignisse sind diesem scheinbar genauso präsent wie jüngste Begebenheiten, und jeder der Vorväter rückt in die gleiche Distanz. "Mein Vater" wird zur immer wieder wiederholten Formel dieses Erzählprinzips, genealogische Differenzen spielen keine Rolle.

          Anders in dem Roman "Buch der Väter" seines Landsmanns Miklós Vámos: Zwar handelt es sich hierbei ebenfalls um eine mehrere Jahrhunderte umspannende Familiengeschichte vor dem Hintergrund der ungarischen Geschichte, aber erzählt wird chronologisch getreu vom Beginn des achtzehnten Jahrhunderts bis zur Gegenwart, und zur historischen Fundgrube werden nicht subjektive Erinnerungsfragmente, sondern papierne Aufzeichnungen.

          Reaktiviert wird das altehrwürdige Motiv des Buchs im Buch, und so ist der Titel des Romans doppeldeutig: "Buch der Väter" heißt der Roman, aber ein "Buch der Väter" führen auch dessen Protagonisten und reichen es von Generation zu Generation weiter. Statt verwirrender Fülle wie bei Esterházys Geschichtspanorama dominiert eine strenge Ordnung: In zwölf Kapiteln wird von ebenso vielen Generationen erzählt, wobei zugleich der Lauf eines kalendarischen Jahres und der Kreis der zwölf Sternzeichen durchschritten werden. Den Gipfel der etwas aufdringlichen Symbolik bildet eine totale Sonnenfinsternis - 1706 beziehungsweise 1999 - am Anfang und am Ende des Romans.

          Verfolgt werden die Geschicke der Familie Csillag, die sich zwischenzeitlich auch Sternovszky oder Stern nennt, oder genauer das jeweilige Schicksal des männlichen Erstgeborenen, denn die übrigen Familienmitglieder kommen nur am Rande vor. Auf diese Weise werden dreihundert Jahre ungarischer Geschichte, ein weites Panorama ungarischer Orte und ein breites Spektrum sozialer Schichten und Berufe durchlaufen: vom Stallburschen bis zum Glashüttenbesitzer, vom Glücksspieler bis zum glamourösen Sänger, vom Zwangsarbeiter bis zum Immobilienmakler.

          Eine auch erzähltechnisch verbindende Klammer besteht in der seherischen Begabung der Erstgeborenen: Ihnen ist es gestattet, die Geschichte ihrer Familie vor dem inneren Auge wachzurufen, und die entsprechenden Szenen dienen nicht zuletzt zur Rekapitulation des Geschehenen. Allerdings übertreibt Vámos diesen kapriziösen Einfall, der nur als augenzwinkernd eingesetzter reizvoll wirken könnte: So beherrschen Protagonisten auf einmal Sprachen, die sie nie gelernt haben, finden Nachkommen ihre Vorfahren, von denen ihnen niemand erzählt hat, und beschäftigt sich der jüngste Sproß mit gerade einmal drei Jahren am Computer mit der Familiengeschichte und scheint sie im Geist zur Gänze präsent zu haben.

          Miklós Vámos weiß von traurigen und aberwitzigen, von tragischen und skurrilen Charakteren und Episoden zu erzählen. In lächerlichem Licht erscheint etwa Bálint Sternovszky, der zweimal bei der gleichen Dame fensterln geht und beide Male ein böses Ende heraufbeschwört, ohne sein Anliegen auch nur vorgebracht zu haben: Verschuldet sein erster Auftritt den Tod seines Vaters, so kommt er beim zweiten Mal beim Sprung aus dem Fenster selbst ums Leben. Der frühe Tod der meisten "Väter" ist ohnehin ein Familienschicksal. Einen traurigen Rekord stellt diesbezüglich Otto Stern auf, der an den Folgen eines Verhörs durch die habsburgische Vormacht stirbt, nachdem er in der Nacht zuvor mit einer Prostituierten seinen Sohn gezeugt hat.

          Den Sonderfall jüdischer Existenz in Ungarn problematisiert der Roman, als István Sternovszky im achtzehnten Jahrhundert gegen den Willen seiner Familie nicht nur eine Jüdin heiratet, sondern auch zum Judentum konvertiert. Zur Behauptung nationaler Identität treten damit die spezifischen Probleme jüdischer Minorität, und es ist nicht ohne bittere Ironie, daß die Mitglieder der Familie Csillag, die im Laufe ihrer Geschichte mehrere Tote im Kampf für die ungarische Freiheit zu beklagen hatte, unter tätiger Mithilfe ebendieser Ungarn fast sämtlich in Konzentrationslagern ums Leben kommen. Die Zäsur, die diese Vorgänge darstellen, markiert Vámos dadurch, daß der einzige Überlebende das "Buch der Väter" zerstört, um mit der Vergangenheit, in der es bereits periodisch zu Pogromen gekommen war, endgültig abzuschließen. Erst die Generation der Söhne und Enkel beginnt wieder, nach ihrer Herkunft zu fragen und Familiengeschichte zu rekonstruieren.

          Verglichen mit Esterházys so voluminösem wie vertracktem Roman, ist Miklós Vámos' "Buch der Väter" leicht lesbar, freilich auch literarisch konventionell. Es dokumentiert wie jener die intensive Zuwendung der Ungarn zu ihrer Geschichte und war in Ungarn ein veritabler Bestseller. Wenngleich nicht alle Kapitel den gleichen Reiz entfalten und Vámos gegen Ende durch einen allzu saloppen Sprachgestus und vermeintlich zeitgemäße Themen demonstrieren will, daß er den Raum der Historie verläßt und sich der Gegenwart nähert, bietet der Roman nicht nur dem historisch Interessierten sattsam Stoff zum Schmökern.

          THOMAS MEISSNER

          Miklós Vámos: "Buch der Väter". Roman. Aus dem Ungarischen übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Ernö Zeltner. btb-Verlag, München 2004. 512 S., geb., 23,90 [Euro].

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