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Erri de Luca: Das Gewicht des Schmetterlings : Einsilbige Bergwelt

  • -Aktualisiert am

Erri de Luca zeigt Menschen im Kampf mit der Natur. Seine Prosa strotzt nur so vor Bildhaftigkeit - die nicht immer einfach für den Leser ist. So ist er ein bemerkenswerter Chronist menschlichen Lebens.

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          Ein kalter Novembertag in den Bergen. In einer Hütte erwacht ein Mann, mit schweren Beinen, neben ihm eine Waffe, geladen mit einer Elf-Gramm-Kugel. Mit einem Becher dampfenden Kaffees tritt er vor sein Haus. Man nennt ihn den König der Gämsen. Er selbst bezeichnet sich lieber als Wilddieb, der sich vom Tisch der Schöpfung nimmt, was er will. Über dreihundert Tiere hat er getötet, für die Speisekarte der Skiläufer und Wanderer oder für die Trophäe des wertvollen Rückenbarts. Nur der Rudelsführer, der eigentliche König, steht noch aus. Der Bock ist inzwischen selbst alt geworden. Er riecht das ranzige Gewehrfett. Menschengeruch.

          So kurz diese Hochgebirgs-Geschichte ist, so langsam ist ihre Gangart. Hier, jenseits der Baumgrenze, wartet man, bis der Schnee geschmolzen ist, die Geiß wirft oder bis der Mann einen runden Laib Brot mit einem scharfkantigen Stein zerstückelt hat, um ihn in Brocken in die Milch zu tunken. Für die Prosa Erri de Lucas sollte man sich rüsten, vielleicht ein wenig Speck ansetzen für den Widerstreit zwischen Mensch und Tier, der hier freilich mit einigem Pathos geschildert wird. Pathos wiederum ist Sache der Natur, und überdies handelt dieser schmale, parabelhafte Text mit dem Titel „Das Gewicht des Schmetterlings“ vom Sterben, vom Ende. „Eines Winters würde auch er vor Hunger und Kälte sterben, unfähig, sich noch ein Feuer zu machen. Für die Einsamen war es ein gutes Ende, wie eine Kerze zu verlöschen.“

          Starke Bilder sprechen lassen

          Die Natur spielt die geheime Hauptrolle. Und so mag man die gewagte Expressivität verzeihen. Erri de Luca schreibt hier mit dem Blick des Bergsteigers, der er unter anderen auch ist. Im vergangenen Jahr ausgezeichnet mit dem Petrarca-Preis, setzte sich der 1950 geborene Nepalese, wie man dem Band beigegebenen Laudatio von Peter Kammerer entnehmen kann, stets für die Rechte der Schwächeren ein - bis zu dem Tag, da der Streik in der Autofirma, bei der er arbeitet, zusammenbrach. Aus dem Schweigen, dem Nicht-Ändernkönnen wächst seit 1989 ein Werk aus schmalen Texten, gebaut aus millimeterfeinen, sinnesstarken Sequenzen, manchmal von berührender Einfachheit, gehauen wie in Stein, bestimmt allein von Grundgesetzen des Wetters oder des Naturkreislaufs.

          Gut ist Erri de Luca, wenn er der Versuchung widersteht, starre Ansichten wie unumstößliche Säulen dazwischen zu stellen; wenn er also ganz dem Zirkulieren seiner Bilder vertraut. Dann sprechen starke, originelle, irritierende, von Helmut Moysich sorgsam übertragene Bilder für sich, eine Wolke, die sich „grau und fransig um einen Berg zusammenballt“, oder Schnee, der sich in sonnengeblendeten Augenlidern zu Glassplittern verwandelt.

          Texte „mit wenig Hefe, fast ungesäuert“

          Man betritt eine einsilbige Welt, in welcher der Mensch verführt ist, alles zu personalisieren und in Beziehung zu treten zum Schnee oder dem Adler. Eine empfindliche Welt ist es auch, leicht zu stören und von Hemingwayscher Tiefe - der Mensch im Kampf gegen die Natur. Alles strebt zu auf den letzten Gang des Mannes. Nachdem die Kugel den Bock getroffen hat, sieht er, dass alle Tiere kommen, um Abschied zu nehmen, was ihn plötzlich bewegt. Aus der Arbeit ist im Lauf der Jahre Bewunderung für die Gämsen und ihre Kletterkünste erwachsen. Er schultert den Bock und will ihn in einem Schneefeld begraben. Da setzt sich ein Schmetterling auf das Tier, der die Last zu schwer macht. Zusammengefroren findet man Mann und Tier nach dem Schneewinter erst im Frühjahr.

          Erri de Luca nimmt Maß, um diese beiden Einzelgänger, Mensch wie Tier, in ihrem störrischen, stolzen, stummen Gehabe zu fassen. Er erzählt vom Töten vor dem Angesicht dessen, der Scham empfindet. Das ist ein starkes, fast biblisches Lebensbild, über das Andere ganze Romane schreiben würden. Erri de Luca, auch das ist bemerkenswert, lernte Hebräisch, um selbst Teile der Bibel zu übersetzen. Da ist schon viel Energie spürbar, eine Abwehr gegen das nur Vermittelte, die Bürde eines selbst durchlebten, rein physischen Zugangs zur Welt, was der Autor einmal so ausgedrückt hat: „Ich bin Redakteur von Geschichten, die ich auf dem Feld der Lebenden ringsum aufgelesen habe; einer, der hinter den Schnittern hergeht und Ähren liest. Ich sammle Reste, mahle sie und mache daraus schmale Bücher, mit wenig Hefe, fast ungesäuert.“ Aus diesem Selbstverständnis erwächst eine ursprüngliche Prosa zwischen den Extrempolen des Lebens.

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